Diskussion über Parteien mit Zukunft

Die CDU. Entstehung und Verfall christdemokratischer Geschlossenheit.

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Die CDU ist eine Partei, die es selbst Wissenschaftlern schwer macht, sie zu verstehen. In einem neuen Buch über die CDU heißt es gleich zu Beginn: „Man darf sie nicht zu früh abschreiben, die deutschen Christdemokraten. Denn da kann man unversehens falsch liegen. Schließlich hatten schon in den frühen 1970er Jahren forsche Kommentatoren, aber auch seriöse Wahlforscher voreilige Nekrologe auf die CDU verfasst“ (S. 11). Die Autoren zeigen sich etwas verwundert: „Keine andere Partei der deutschen Parlamentsgeschichte konnte auch eine nur ansatzweise vergleichbare Erfolgsbilanz vorweisen. Die Christdemokraten verfügten also offenbar über spezifische Machtressourcen, die sie gegenüber ihren politischen Konkurrenten lange privilegierten“ (S. 12). Und trotzdem wird konstatiert: „Kulturell war auch längst schon in den 1970/1980er Jahren die post-christdemokratische Ära angebrochen. Die Bindemittel und Sinngewebe aus der goldenen christdemokratischen Nachkriegsära – von der Kolping-Kultur zum deutschnationalen Honoratiorenstammtisch, vom Pflichtethos zum Ordnungsmuster, von der Sparsamkeitstugend zum sonntäglichen Kirchgangsbesuch – waren randständig geworden“ (S. 11).

Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter analysiert zusammen mit zwei Mitarbeitern die CDU. Ausführlich befasst sich der kleine Band mit der CDU in der Adenauer-Ära. Die CDU wird für diese Zeit als „gleichsam natürliche Regierungspartei“ beschrieben. Es sei ihre „anfangs illusionslose, pragmatische und flexible Politik“ gewesen, die ihr lange einen Vorteil gegenüber den Sozialdemokraten verschaffte. Dem „C“ kam dabei eine besondere Rolle zu: als Gegenpol zum Nationalsozialismus, Materialismus und Sozialismus. Konrad Adenauer war ein besonderer Erfolgsfaktor für die CDU. Adenauers besonderes Verdienst war es, eine wirklich interkonfessionelle Partei zu gründen und zu bewahren. Anderen Parteien in Europa gelang das hingegen sehr viel schwerer, teilweise überhaupt nicht, da sie im Kern nach 1945 katholische Formationen blieben. Adenauer wird in dem Band sogar als „Modernist“ bezeichnet, sichtbar unter anderem daran, dass die CDU als erste Partei in Deutschland die Kompetenz demoskopischen Institute nutzte (Allensbacher Institut). Aber es werden auch Fehler Adenauers dargelegt, beispielsweise im Zusammenhang mit der abweichenden Haltung Gustav Heinemanns zu den Plänen Adenauers hinsichtlich der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, dem Manifest der „Göttinger 18“ oder der „Spiegel“-Affäre.

Ausführlich wird in diesem Buch beschrieben, wie Adenauer und sein engeres katholisches Beraterumfeld zeitweilig nicht mehr so richtig die veränderte bundesdeutsche Welt verstanden. Sie fürchteten, dass die „Laisierung des deutschen Volkes“ unaufhaltsam voranschreite, dass die Kräfte des Glaubens, der Autorität, der Ordnung, des Dienens schwinden würden. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Heinrich Krone wähnte sogar die Völker am Liberalismus zu Grunde zu gehen. Denn: „Die neue Welt ist norddeutsch, protestantisch und amerikanisch.“ Und misstrauisch schauten sie auf den neuen Typus der „politischen Techniker“, die auch in der Union hochkamen, viele von ihnen protestantisch: Gerhard Schröder, Gerhard Stoltenberg, Kai-Uwe von Hassel und der – katholische – Rainer Barzel. Doch die Zeit Adenauers lief ab.

Anfang der 1960er Jahre hatte man genug vom Patriarchen. Es gab ein weit verbreitetes Bedürfnis nach mehr Offenheit, was dann zur Kanzlerschaft Ludwig Erhards führte. Doch Erhard war, wie in dem Buch deutlich nachgewiesen wird, ein „politischer Feldherr ohne Truppen“. Beliebt war der Gründer vom „Wohlstand für alle“ allein beim Wahlvolk. Er konnte 1965 noch einmal mit Erfolg als Wahllokomotive durch das Land dampfen, weil sein sozialdemokratischer Konkurrent um das Kanzleramt, Willy Brandt, in jenem Jahr denkbar unpopulär war. Doch bald schien Erhard in den eigenen Reihen nicht mehr tragbar. Der mächtige Mann im christdemokratischen Übergang von Adenauer und Erhard zu Helmut Kohl war Rainer Barzel, der als glänzender Fraktionschef galt. Barzel wird aber als Einzelgänger beschrieben.

Als charakteristisch für die Ära Kohl sehen die Autoren die Tatsache, dass diejenige Quelle am stärksten austrocknete, die die Christdemokraten in ihrer Hochzeit von den späten vierziger bis zu den frühen sechziger Jahren am reichlichsten versorgt hatte: die katholischen Wähler, die scheinbar ewigen Stützpfeiler, trugen und stabilisierten nicht mehr. Einst war die christdemokratische Honoratiorenpartei der organisatorisch weit straffer durchgegliederten Sozialdemokratie chronisch überlegen, weil sie die Unterstützung der christlichen, insbesondere der katholischen Kirche genoss. „Die Gläubigen bildeten die große Reservearmee der christlichen Parteien. Episkopat und Ortspfarrer leisteten Mobilisierungshilfe bei Wahlen. Und das christliche Bekenntnis schlug den Integrationsbogen“ (S. 46).

Vom Zusammenhalt der heterogenen Volkspartei konnte mindestens in der zweiten Hälfte der Ära Kohl nicht mehr die Rede sein. Das „C“ mobilisierte und band nicht mehr, jedenfalls nicht mehr in einstigen Größenordnungen. Die Säkularisierung war seit den späten sechziger Jahren mächtig vorangeschritten. Am Ende der Ära Kohl befolgte nur noch ein Fünftel die katholische Kirchgangspflicht. Mit der Eingliederung der Ex-DDR war Deutschland noch mehr zum katholischen Diasporaland geworden. Selbst der Katholizismus blieb kein monolithischer Block mehr.

Den Anspruch der Union, weiterhin Volkspartei sein zu wollen, zweifeln die Autoren in einem „Zwischenfazit“ an: Die deutschen Volksparteien befänden sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer „Modernisierungsfalle“. Die Wucht des sozial-strukturellen Wandels, die zuvor schon die Sozialdemokraten mit aller Härte traf und die Partei in der Wählergunst weit hinter den hinter die eigenen Ansprüche zurückwarf, dürfte demnach mittelfristig auch die Union erreichen. Diese habe allerdings den Vorteil, dass sie auch aus den Fehlern der SPD und den vergangenen rund zwei Jahrzehnten wichtige Schlüsse ziehen kann und dies zum Teil auch getan habe. Allerdings dürfte ihr ein Ausbruch aus der Modernisierungsfalle dennoch kaum möglich sein, verlangten doch die Imperative der Volkspartei auch von ihr, dem Konstrukt einer breiten gesellschaftlichen Mitte zu folgen und die Mehrheiten bei sich zu bündeln. Einerseits seien die Volksparteien zur permanenten Neuprofilierung und Anpassung an gewandelte Rahmenbedingungen gezwungen, andererseits drohten die fortwährenden Reformprozesse auch noch die letzten Reste der traditionsorientierten Stammwählerschaft zu verprellen.

Das Wahlvolk der Mitte bliebe zudem widersprüchlich und ambivalent in seinen Interessen. Es wolle radikale Reformen, vor denen es sich aber gleichzeitig auch fürchtet. Insgesamt kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die CDU Abschied von dem Anspruch nehmen müsse, eine Volkspartei zu sein. Erleichternd wäre für sie dabei die Tatsache, dass es künftig gar keine Volksparteien mehr geben werde. Die Volksparteien hätten ihre eigenen Lebensvoraussetzungen überlebt. Andererseits würden die Parteiorganisationen überleben, allein schon deshalb, weil Politik ohne sie nicht machbar ist. Parteien würden also zu modernen, professionalisierten wahl- und politikorientierten Organisationen.

Bei allem vorhergesagten Ende der Volksparteien bleibt der Ausblick in diesem Buch doch tröstlich: Die CDU besitze „ausgesprochen gute Chancen auf eine erfolgreiche Neugestaltung im Zeitalter nach dem Ende der Volksparteien. Doch sie wird sich auf umfassende Reformstrategien einlassen müssen, wenn sie weiterhin die Kontrolle über die künftigen Wandlungsprozesse der eigenen Parteiorganisation behalten will“ (S. 225).

Ganz schlüssig wird allerdings nicht erläutert, warum das vorhergesagte Ende der Volksparteien nicht nur auf die SPD, sondern zwangsläufig auch auf die CDU zutreffen muss, zumal in dem Buch Gegenstrategien kaum diskutiert werden. Wer indes die strukturellen Probleme der Union der Gegenwart kennen lernen will, dem ist die Lektüre dieses Buches sehr zu empfehlen. Schade ist jedoch, dass im Zusammenhang mit der wichtigen Gründungsgeschichte der CDU die wichtigen Traditionslinien (christlich sozial, liberal und konservativ) nicht herausgearbeitet wurden. Die Prägekraft eines Helmut Kohl, der der Partei immerhin mehr als ein Vierteljahrhundert vorstand, wurde zwar erwähnt, doch verhältnismäßig knapp. Auch bleibt in dem Buch die programmatische Entwicklung der Union eher unterbelichtet, selbst wenn man zuerkennen muss, dass sie CDU sehr viel pragmatischer operierte als dies etwa ihre Konkurrenzpartei SPD tat. Alles in allem handelt es sich jedoch um ein sehr gut lesbares Buch, das die Komplexität der CDU-Geschichte und -Struktur gut zu erläutern weiß.

Gerd Langguth

Franz Walter, Christian Werwath, Oliver D’Antonio: Die CDU. Entstehung und Verfall christdemokratischer Geschlossenheit. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2011; 261 Seiten; 19,90 EUR.

2 Kommentare

  1. nun die vorgestelle Analyse der CDU als Volkspartei ist nicht unbedingt schlüssig, das mag aber daher kommen, dass sie gekürzt wurde.
    Ich bin bewusst in die “Volkspartei CDU” eingetreten, obwohl in meinem Verständnis tatsächlich die Zeiten der Volksparteien zu Ende sind, nur sie haben es noch nicht bemerkt.
    Der Kitt der die CDU im moment noch zusammenhält ist, eine art Trotzreaktion auf den als Gegner empfundenen Partei – SPD.
    Klar dürfte aber sein, wenn die weltweite Globalisierung anfängt die “Welt aus den Angeln zu heben” dann kann es auch nicht spurlos an den – heute noch – etablierten Parteien vorbeigehen. Die CDU hat sich in den letzten Jahrzehnten thematisch aufgesplittet auf wenigstens 18 selbständige Einheiten, deren Spitze sich im Vorstand wiederfinden. aber nicht nach Stärke. Um es einmal grob aus zu drücken – von der CDA bis Abt. Schwule.
    Allerdings, wenn Fr. Merkel glaubt mittels Blogs mit der Mitgliedschaft ins Gespräch zu kommen, erliegt sie m. E. nach einem Fehler – hier ist nicht die Piratenpartei, sondern hauptsächlich Leute mit einem Durchschnittsalter von 57 jahren und die sin in ihrer Mehrheit eher am Gespräch interessiert, an Diskussionen – oder altmodisch – Frage – Antwort.

    Da hier ja nur interessierte Leute lesen oder schreiben, brauche ich doch nur zu verweisen auf die sozialistische Partei un Frankreich, die durch eine Öffnung der Strukturen und neue Wege beschritt ein Mitgliederzuwachs von 45 % verzeichnen konnte und – was noch wichtiger ist, bei einer Urwahl noch nie gemessene 2,8 Millionen Stimmen zählen konnte.

    Mein derzeitiges Fazit lautet Volkspartei – Ja – aber mehr Mitbestimmung der Mitglieder und bei bestimmten Themen auch Öffnung für Nichtmitglieder. Dabei sollten zwei Dinge unbedingt gefordert werden , erstens nach Adenauer waren 51 % die absolute Mehrheit (man braucht keine kommunistische 96,8%) und ein zusammenhalten der einzelnen Strömungen in der Partei durch deutlich verbesserte Pressearbeit. Die Mainstimmung wird im TV und in Zeitungen erzeugt, da müssen dann auch ausreichend qualifizierte den Ton vorgeben.
    es ist noc hviel zu tun, packen wir es an – mit freundlichen Grüßen
    Rolf Maul – CDU – Waldbronn

  2. Der Aufschrei ist vorprogrammiert.

    Von wem und durch was wird denn die christliche Geschlossenheit unterminiert? Wäre es nicht mal an der Zeit, sich die geringer gewordenen Unterschiede zwischen den echten und den politischen „Religionen“ anzusehen?

    GRÜN als (Pseudo-)Religion?

    Die großen Religionen haben immer häufiger bei unseren Bürgern ausgedient! Bei Allen? Keineswegs. Mit einer raffinierten Tarnung ist ganz unerschrocken eine alltäglich neue „Naturreligion“ aus unserer Mitte hinzugekommen. BIO ist ihr Name. Man kann sie denken, konsumieren und sogar essen. Deren Gott ist die Natur und ihr Missionsgebiet sind im grünen deutschen Wald alle, die ihn lieben. Und wer will mit dem nicht leiden und ihn lieben? Wer ihnen nicht folgt, ist für alles Böse in der Welt verantwortlich.

    Religionsstifter war Tschernobyl. Die neue Zeitrechnung begann am 26.4.1986. Ihre Propheten sind Adam Trittin und Eva Roth. Ja, man hat sie gebraucht. Sie haben eine berechtigte Lücke gefunden und predigen dass typisch deutsche Einmaleins mit dem Anspruch “Zurück zur Natur”. Am grünen Wesen soll die Welt genesen. Mit diesem Lebensgefühl füllen sie die irdische Lücke, die ihnen die anderen Glaubengemeinschaften mit ihren Bedeutungslosigkeiten geöffnet haben. Ausgestattet die Einen mit einer jenseitigen, die anderen mit eine diesseitigen Heilserwartung. Sie predigen nicht, wie die anderen echten Religionen, für ein Paradies in der Unendlichkeit. Aber immerhin, für das reale Dasein unserer Nachkommen versprechen sie eine irdische unendliche naturidentischen Paradieserwartung.

    Auf jeden Fall, die GRÜNEN sind der beste Beweis dafür, dass man immer noch dringend schöne und edle pseudoreligiöse Ansprüche für das Leben braucht. Genial ist es, Politik und “Naturreligion” so mit einer allumfassenden Schuldzuweisung an alle nicht Folgsamen zu vernetzen. Kompliziert gell? Ob die Chinesen dass in der kurzen, für eine totale Systemänderung zur Verfügung stehenden Zeit, auch verstehen und umsetzen können und wollen?

    Und was machen die großen „echten“ christlichen Religionen? Sie heften sich politisch und nahezu sklavisch an die Fersen der „Naturreligion“ und merken nicht, wie ihnen in dieser “Konkurrenzsituation” die Ansprüche und Felle auf ihrem angestammten Gebiet davonschwimmen. Zur Illustration die derzeitigen Konfessionszugehörigkeiten:

    SPD CDU Grüne
    Katholisch. 25 55 22
    Evangelisch. 48 38 34
    Ohne Konfess. 25 7 41>!!!<.

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