Diskussion über Parteien mit Zukunft

Vom Abstiegskandidaten zur Meisterschaft?

| 2 Kommentare

Der Politikwissenschaftler Prof. Uwe Jun sieht die Volksparteien vor schwierigen Aufgaben, wenn diese auch zukünftig ihre Rolle wahrnehmen wollen. Im Interview mit der KAS-Online-Redaktion sagte er: „Aus einem Abstiegskandidaten ist es schwer einen Meisterschaftsanwärter zu machen.“ Wenn dies doch gelingen solle, gelte es die eigene Problemlösungskompetenz zu schärfen, wieder mehr Erlebnisraum fernab der professionellen Politik zu gestalten und jüngere Wähler anzusprechen und für sich zu gewinnen.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

 

KAS-Online-Redaktion: Herr Jun, die deutschen Volksparteien erreichen immer weniger jüngere Wähler, bei älteren Wählern sind sie aber immer noch relativ stark vertreten. Liegt die Zukunft der Volksparteien im Allgemeinen und vielleicht der Union im Besonderen darin, stärker auf die Belange der älteren Mitbürger einzugehen?

Prof. Jun: Nun wenn man das so versteht, dass die Volkspartei oder Parteien allgemein ihre Wähler repräsentieren sollten und den Repräsentationsbegriff so fasst, dann wäre das die Aufgabe der Volksparteien, denn, wie Sie zu Recht sagen, sieht man, dass sie im älteren Wählersegment sehr erfolgreich sind und bei jüngeren Wählern und bei den mittleren Altersgenerationen immer mehr an Zuspruch verlieren. Nun allerdings konfligiert dieser Anspruch mit dem der Volkspartei die gesamte Wählerschaft anzusprechen, die gesamte Bevölkerung und damit das Allgemeinwohl oder das allgemeine Interesse anzusprechen. Diesen Konflikt muss die Volkspartei nun innerlich austragen und es wird ihr umso schwerer fallen, weil ja auch ihre Mitgliederstruktur in die gleiche Richtung weist, wie die Wählerstruktur mit einer deutlichen Überrepräsentation der Älteren. Wollen die Volksparteien aber nicht auf dem Wählermarkt ihre herausragende Stellung verlieren so bleibt ihnen nichts anderes übrig als darüber hinaus zu gehen und doch weiterhin zu versuchen, bei jüngeren Wählergruppen erfolgreich zu sein.

Es ist ja jetzt nicht so, dass das noch nie versucht worden wäre von den Volksparteien auch jüngere Wähler anzuwerben. Was wäre denn die Alternative zu der Klientelpolitik für die Älteren. Also wie könnten Volksparteien sich so zukunftsfähig machen, dass sie auch für jüngere Wählerschichten wieder interessanter werden?

Nun, ich glaube, das ist natürlich eine ganz schwierige Frage. Sie sagen zu Recht, wenn man da den Stein des Weisen gefunden hätte, wären die Volksparteien glücklich. Sie können nur ein Bündel von Maßnahmen verabschieden. Zentral ist die Problemlösungskompetenz, d.h. den Eindruck zu erwecken, die gesellschaftlichen und politischen Probleme lösen zu können. Hier haben die Volksparteien Nachholbedarf, wenn man sich die Werte anschaut, die von der Meinungsforschung erhoben worden sind. Die Problemlösungskompetenz sinkt eigentlich im Durchschnitt der letzten 20 Jahre. Dann müsste man versuchen, durch mehr Attraktivität im Innenraum der Parteien wieder vermehrt Mitglieder der jüngeren Generation zu gewinnen. Das ist schwierig, weil die gesellschaftliche Entwicklung gegen Großorganisationen verläuft und die Parteien das Image haben, langweilig, öde zu sein. Hier müsste also wieder mehr Erlebnisraum gestaltet werden fernab der professionellen Politik und auch fernab der doch etwas langwierigen und mühsamen Ortsvereinssitzungen. Einzelne Parteien gehen schon diesen Weg, aber der müsste konsequent und nicht nur halbherzig gegangen werden. Denken Sie an die Schnuppermitgliedschaft, aber auch mehr innerparteiliche Demokratie, mehr Partizipationsmöglichkeiten, mehr Transparenz auch der Entscheidungsprozesse. Dann müsste sicherlich auch Parteipolitik wieder ein positiveres Image bekommen. Man muss nicht nur durch Problemlösungskompetenz und Erlebnisräume, sondern in den Medien deutlich machen, welche Relevanz Parteien für den Alltag haben aber auch dabei nicht vergessen, dass diese Relevanz in den Alltag der Einzelnen hineinläuft, d.h. es darf nicht bei medialer Kommunikation stehen bleiben. Der Einzelne muss das Gefühl haben, dass die Parteien tatsächlich in seinem Umfeld präsent sind, sich in diesem bewegen. Und das ist schwieriger zu realisieren bei sinkenden Mitgliederzahlen. Ich will jetzt nicht von der Quadratur des Kreises sprechen, aber Sie sehen, was geschehen müsste, und wenn Sie dann den Ist-Zustand angucken, ist man davon relativ weit entfernt. Aber es ist auch nicht leicht zu realisieren. Die Parteien stehen also vor einer sehr schweren Aufgabe. Zugespitzt formuliert: Aus einem Abstiegskandidat ist es schwer einen Meisterschaftsanwärter zu machen, um in der Fußballersprache zu bleiben. Und vor dieser schwierigen Aufgabe stehen sicherlich die Parteien.

Dann nehme ich mal das Fußballbild auf und sage: Vielleicht ist es ja demnächst so, dass die Meisterschaft nicht mehr nur zwischen zwei Parteien ausgemacht wird, sondern dass es eben tatsächlich diese fünf, sechs Parteien gibt, die alle oben mitspielen, dass also keine der Parteien mehr über 30 Prozent kommen wird mittelfristig. Ist das das realistischere Szenario, auf das man sich vielleicht besser einstellen sollte?

Im Moment, Stand der Dinge September 2011, deutet sehr viel darauf hin auf das, was Sie sagen, insofern, dass Parteien sehr stark konjunkturabhängig geworden sind. Wir haben also viel mehr Wechselwähler, Stimmungswähler. Die Zahl der Stammwähler geht deutlich zurück, was mit gesellschaftlichen Veränderungen ja primär zusammen hängt, aber auch mit medialer Kommunikation. D.h. wir erleben einen gravierenden Wandel, der es Parteien ermöglicht innerhalb kürzerer Zeit auf- und abzusteigen, siehe etwa den Aufstieg der Grünen in 2011, siehe den gravierenden Abstieg der FDP und siehe auch den schon allerdings schleichenden langwierigen Abstieg der beiden Volksparteien CDU/CSU oder der drei CDU/CSU und SPD.

Zum Abschluss noch die Frage: Was würde dieses Szenario für den politischen Diskurs bedeuten? Wird es schwieriger einen politischen Konsens zu finden oder ist es eher positiv, dass vielleicht der Wählerwille doch direkter umgesetzt wird in Politik?

Ich bin da ein bisschen sorgenvoller. Ich würde also eher die erste Linie teilen. Der Erfolg der Piraten, die aus dem Stand erfolgreich waren und eigentlich auch keine neue Konfliktlinie begründet haben, spricht dafür. Da kommt eine Partei, die sich eigentlich nur dadurch auszeichnet, dass sie gegen den Strich bürstet und mit den anderen nicht konsenswillig sein will erstmal, nur einfach anders sein will, aber keinerlei thematisch wirklich gravierendes Thema anbietet. Wenn die also schon gleich so erfolgreich ist, deutet das darauf hin, dass Konsensfähigkeit und Konsenswille abnimmt. Und das ist für mich ohnehin eine Entwicklung, die ein gesellschaftliches Phänomen ist. Die Parteien sind immer Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen. Und diese Gesellschaft scheint weniger konsenswillig und weniger konsensfähig auch ist aufgrund der Fragmentierung-Segmentierungs-Tendenzen und der sehr unterschiedlichen Interessen der unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen. Und da sind wir wieder bei einem zentralen Thema der Volkspartei: Sie hat immer versucht, diese verschiedenen Interessen zusammen zu binden, zu aggregieren und daraus n innerparteilich Konsens und Kompromiss zu formieren. Und das wird von der Bevölkerung immer weniger gewünscht. Die einzelnen kleinen Subgruppen wollen lieber ihre eigenen Interessen in der Politik realisiert sehen und sind nicht so stark auf Konsens und Kompromiss orientiert. Und dann wird nicht nur Konsens- und Kompromissfindung schwer,  sondern allein selbst schon Mehrheitsbildung schwer und das erleben wir in derzeit vielen westeuropäischen Demokratien.

Uwe Jun

2 Kommentare

  1. Ich moechte Herrn Prof. Jun keinen Jugendwahn unterstellen, auch wenn er ja selber noch recht jung ist. Dennoch scheint er mit seiner Empfehlung an die Volksparteien verstaerkt um juengere Wahler zu werben daneben zu liegen. Aus zwei Gruenden: so wie eine Volkspartei inhaltlich breit aufgestellt sein und verschiedene Interessen verbinden sollte, so gilt dasselbe fuer die Altersstruktur. Zugegeben, und hier wuerde ich mir teilweise auch eine offensivere parteiinterne Kommunikation wuenschen, wir haben derzeit eine Konzentration der Generation 70+ in der CDU. Es gilt aber hier zwischen Mitglieder- und Waehlerstruktur zu unterscheiden. Und letztere zeigt doch erfreulicherweise recht gute Werte fuer die CDU bei den Erst- und Jungwaehlern bei den letzten Landtags- und Kommunalwahlen. Doch irgendetwas scheint diese Waehler dann in den Folgejahren zu vertreiben. Ich habe auch kein Patentrezept in der Tasche und verfolge daher Ihren Blog mit grossem Interesse. Auch wenn wir jetzt am wenigsten ein Uns-auf-die-Schulter-Klopfen brauchen, so ist dieses Angebot auf jeden Fall unzweifelhaft ein Mosaiksteinchen in einem eines Tages sicherlich wieder strahlenden Gesamtbildes.

  2. Es ist doch ganz einfach: Immer weniger Menschen in der Kirche, immer weniger haben Geld, immer weniger (dank Einwanderung!) Traditionalisten und Deutschtümelei = immer weniger wählen CDU. Da nützt das ganze Gerede nichts. Der neue Wert ist, keine festen Werte zu haben. So sieht´s aus. Das kann man gut finden oder nicht, der Kompass wird vergeblich nach der Erfolgsrichtung suchen, solange man sich nicht grundsätzlich neu aufstellt.

Wir laden herzlich ein, die Beiträge zu kommentieren. Es sei darauf hingewiesen, dass wir uns eine moderierte Kommentarfunktion vorbehalten. Wir sind neugierig auf Ihre Reaktionen und auf eine offene Diskussion mit Ihnen!

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*