Diskussion über Parteien mit Zukunft

Sich selbst nicht grün? Einstellungen der Grünen nach der Bundestagswahl

| Keine Kommentare

von Dr. Viola Neu – Die Grünen haben bei der Bundestagswahl zwar nur geringfügig verloren (2,3 Punkte bei einem Ergebnis von 8,4 Prozent), aber das Wahlergebnis wird als Wahlniederlage empfunden. Grund hierfür sind die großen Hoffnungen, die Meinungsumfragen geweckt hatten. Seit 2010 setzte der Aufschwung der Grünen in den Umfragen ein und nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima kamen sie in der politischen Stimmung der Forschungsgruppe Wahlen im April 2011 zwischenzeitlich auf 27 Prozent. Danach setzte bis zur Bundestagswahl ein steter Rückgang ein.

In einer vor der Wahl[1] konzipierten und unmittelbar nach der Bundestagswahl realisierten Umfrage, hat die Konrad-Adenauer-Stiftung versucht herauszufinden, ob es eine eigene „grüne“ Agenda gibt. Dabei wurden nicht die „klassischen“ Themen befragt, sondern eigene Fragen entwickelt.

Insgesamt stimmt nur eine Minderheit Steuererhöhungen zu. Nur 11 Prozent der Befragten haben eine positive Meinung gegenüber Steuererhöhungen. Bei den Grünen Wählern[2] ist zwar eine etwas geringere Zustimmung zu finden, sie fällt mit 26 Prozent aber auch hier eher bescheiden aus. Anzumerken ist, dass keine der Parteien, die sich im Wahlprogramm für Steuererhöhungen aussprachen, auf die Unterstützung ihrer Wähler in dieser Frage bauen konnte. Von den SPD-Wählern sprachen sich 16 Prozent und von den Wählern der Linken 18 Prozent für Steuererhöhungen aus.

In der Grünen-Anhängerschaft findet das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit mehrheitlich Unterstützung. So stimmen 61 Prozent der Grünen-Wähler der Aussage zu „Wer mehr leistet, dem sollte es auch deutlich besser gehen“ (Durchschnitt 77 Prozent). Andererseits verteidigen die Grünen-Wähler (am stärksten von allen) das Prinzip der leistungsfreien staatlichen Unterstützung. So stimmen 40 Prozent der Grünen (Durchschnitt 69 Prozent) der Aussage zu „Nur wer bereit ist, etwas zu leisten, sollte auch vom Staat unterstützt werden“. Offen bleibt hier, welche Assoziation die Grünen-Wähler hier hatten (bedingungsloses Grundeinkommen, Hartz-IV-Sätze, Bafög, Mindestrente, Nachhilfe, Unterstützung von Initiativen).

Im weitgehenden Konsens, wenn auch auf einem anderen Niveau, mit den Wählern anderer Parteien stehen die Grünen mit ihrer Haltung, dass an staatlichen Leistungen nicht gespart werden soll. Hierfür könnten sich gerade einmal 9 Prozent der Grünen-Wähler und 22 Prozent aller anderen Wahlberechtigten erwärmen.

In drei Feldern unterscheiden sich die Grünen-Wähler sehr stark von der wahlberechtigten Bevölkerung: der Zustimmung zu einer leistungsfreien staatlichen Unterstützung (-29 Punkte), antiautoritären Erziehungsstilen (-26 Punkte) und der Vermeidung von gentechnisch veränderter Lebensmittel beim Einkauf (+21 Punkte). Überdurchschnittlich ist mit 48 Prozent der Anteil der Grünen-Wähler, die der Ansicht sind, dass der Islam heute zu Deutschland wie das Christentum gehört (+19 Punkte über dem Durchschnitt) und besonders gering fällt die Ablehnung in Bezug auf das Aufwachsen von Kindern in einer Homoehe aus (Grüne 9 Prozent; Bevölkerung 26 Prozent). Auch bei einigen Themen, die auch in der Bevölkerung bereits auf eine sehr große Zustimmung stoßen, findet sich bei den Grünen eine fast einheitliche Meinung. Während 79 aller Wahlberechtigten dafür sind, dass Bio-Lebensmittel aus der Region kommen sollen, findet diese Aussage bei den Grünen einen Zustimmungswert von 93 Prozent. Mit 78 Prozent gibt es auch in der Bevölkerung kaum Zweifel, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien für Deutschlands Zukunft wichtig ist, bei den Grünen beträgt die Zustimmung 97 Prozent.

In den meisten Themenfeldern unterscheidet sich zwar das Niveau, aber nicht die Tendenz. Wenn eine Mehrheit/Minderheit der Bevölkerung sich für oder gegen ein Thema ausspricht, dann ist das auch bei den Grünen so. So sind z.B. 65 Prozent aller Bürger für ein Verbot der Massentierhaltung und bei den Grünen sind es 77 Prozent. 67 Prozent der Grünen Wähler sind für den Erhalt von Gymnasien, in der Bevölkerung beträgt der Anteil 84 Prozent. Nur eine Minderheit von 19 Prozent ist für die Abschaffung des Ehegattensplittings und auch bei den Grünen (bei denen dies Teil des Wahlprogramms war) finden sich nur bei 34 Prozent Unterstützung.

Aussagen zu verschiedenen Themen (Übersicht Anteile “trifft voll und
ganz zu” + “trifft eher zu”)
Bitte geben Sie zu jeder der folgenden Aussagen an, inwieweit Sie diese
zutreffend oder nicht zutreffend finden.
 

Grüne

Gesamt

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist für Deutschlands Zukunft wichtig

97

78

Bio-Lebensmittel sollten aus der Region kommen

93

79

Massentierhaltung sollte grundsätzlich verboten werden

77

65

Ich kaufe keine gentechnisch veränderten Lebensmittel

75

54

Das Gymnasium sollte erhalten bleiben

67

84

Wer mehr leistet, dem sollte es auch deutlich besser gehen

61

77

Der Islam gehört heute zu Deutschland wie das Christentum

47

28

Nur wer bereit ist, etwas zu leisten, sollte auch vom Staat unterstützt werden

40

69

Das Ehegattensplitting sollte abgeschafft werden

34

19

Ich bin dafür, dass Steuern erhöht werden

26

11

Wer seine Kinder zu anständigen Bürgern erziehen will, muss von ihnen vor allem Gehorsam und Disziplin verlangen

12

38

Ich bin dagegen, dass Kinder in einer Homoehe aufwachsen

9

26

Ich bin dafür, dass an staatlichen Leistungen gespart wird

9

22

Quelle: Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung, 2013

Unterschiede in den Meinungen zwischen den Anhängern anderer Parteien und den Grünen sind in der Umfrageforschung bekannt. Grüne stehen postmodernen, postmaterialistischen und liberalen Werten näher. Insgesamt gelten die höher gebildeten Bürger als liberaler als der Bevölkerungsdurchschnitt. Dies wird noch deutlicher in Elitestudien, bei denen die Eliten Werte der political correctness stärker vertreten, als dies in der Bevölkerung der Fall ist.[3] Diese spezifischen Einstellungsmuster der Grünen-Wähler korrespondieren mit deren Alter und der Bildung. In unserer Umfrage hatten 14 Prozent aller Befragten ein abgeschlossenes Studium. Innerhalb der Anhängerschaft der Grünen beträgt der Wert 36 Prozent. Umgekehrt verhält es sich mit der Altersverteilung. Von allen Wahlberechtigten sind 32 Prozent über 60 Jahre alt. Innerhalb der Wählerschaft der Grünen beträgt der entsprechende Anteil 19 Prozent.

 


[1] Die Befragung fand vom 23. September bis zum 7. Oktober statt und wurde von TNS Emnid durchgeführt. Es wurden insgesamt 2.550 Wahlberechtigte telefonisch mit einem Dualframe-Ansatz befragt. Hier werden auch Handytelefonnummern berücksichtigt. Bei den Grünen wurde ein disproportionaler Stichprobenansatz mit realisiert, so dass insgesamt 507 Grüne Wähler befragt wurden.

[2] Gemessen mit der rückerinnerten Frage nach der Erst- und Zweitstimme bei der Bundestagswahl.

[3] Vgl.Céline Teney, Marc Helbling, 2013, Die Verteilung liberaler Werte. Elite und Bevölkerung in Deutschland denken unterschiedlich über Immigration, in: WZB-Mitteilungen, H. 142/2013, S. 13.

Wir laden herzlich ein, die Beiträge zu kommentieren. Es sei darauf hingewiesen, dass wir uns eine moderierte Kommentarfunktion vorbehalten. Wir sind neugierig auf Ihre Reaktionen und auf eine offene Diskussion mit Ihnen!

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*