Diskussion über Parteien mit Zukunft

Qualität statt Quantität

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Es hat sich tief in unser Volksparteienverständnis eingebrannt, dass Volkspartei nur ist, wer viele Mitglieder hat. Die Spitzen von SPD und CDU werden nicht müde zu betonen, ihre Partei seien Volks- und darum eben auch Mitgliederparteien. Im Entwurf des „organisationspolitischen Grundsatzprogramms“ der SPD, der als Leitantrag zum kommenden Bundesparteitag vorliegt und der seit Monaten unter den Stichworten „Die SPD öffnet sich für Nichtmitglieder“ oder kurz „Parteireform“ in der Partei und auch den Medien diskutiert wird, zeigt sich – nicht zum ersten Male – die Handschrift der Mitgliedermaximierer: „Wir sind und bleiben … Mitgliederpartei“ (S. 3). Und noch deutlicher: „ … Mitglieder auf Dauer an uns zu binden und neue Mitstreiter/innen … zu begeistern“ (S. 5), sei eine der wichtigsten Aufgaben der SPD. Die umworbenen Nichtmitglieder, Interessenten oder auch „UnterstützerInnen“ kommen da nur am Rande vor. Genauer gesagt: Diese drei Begriffe erreichen in dem 20seitigen Papier zusammen 18 Nennungen, während sich die Begriffe „Mitglieder“, „Mitgliederpartei“, „Mitgliederentwicklung, -werbung und -gewinnung“ auf ganze 80 Nennungen summieren. Das ist alte Tonnenideologie nach dem Motto: Viel hilft viel.

Auch bei der CDU war (ist?) es so anders nicht. Manchen vielleicht noch in Erinnerung, hat der 17. Bundesparteitag der CDU in Leipzig 2003 mit dem Konzept der „Bürgerpartei CDU“ ein „Reformprojekt für die lebendige Volkspartei“ verabschiedet. „Kernelement“ dieses Entwurfs war die „Stärkung der CDU als Mitgliederpartei“ (S. 4). Auch dieses Konzept war ganz dem Modell der auf Zuwachs ausgerichteten Mitgliederpartei verhaftet. In dem 38seitigen Text erreichten die Schlagworte „Mitglied/er, Mitgliedschaft, Mitgliederwerbung und Mitgliederrechte“ zusammen 135 Nennungen, während die Begriffe „Bürger, bürgerlich, bürgerschaftliches Engagement, Bürgerdialog“, um die es in dem Papier dem Titel nach eigentlich hätte gehen müssen, insgesamt nur 40 Mal vorkamen.

Beiden Papieren wohnt der Geist der auf quantitatives Wachstum ausgerichteten Volkspartei inne. Sie widerspiegeln gleichermaßen legitimes wie notwendiges Wunschdenken, denn Notwendigkeit und Nutzen von Parteimitgliedern lässt sich kaum bestreiten. Seit 2003 aber hat die CDU per Saldo etwa 82.000 Mitglieder verloren, die SPD fast doppelt so viel.

An dieser Stelle soll keine Bilanz der zahlreichen Partei(organisations)reformen der letzten zwei bis drei Dekaden gezogen werden. Das haben andere Autoren ausführlich gemacht und gezeigt, dass alle Bemühungen, durch Organisationsreformen die Parteimitgliedschaft attraktiver zu machen und so neue und damit mehr Mitglieder zu gewinnen, meist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind.

Aber sind Volksparteien notwendigerweise Mitgliederparteien und sind Mitgliederparteien nur solche, die viele Mitglieder haben und auf Mitgliederwachstum aus sind? Zum ersten Teil der Frage: Nein. Die CDU beispielsweise war unstrittig schon seit ihrer Gründung Volkspartei mit einer deutlich geringeren Zahl an Mitgliedern als heute – nämlich etwa 200.000 –, weil sie dem Wohl der ganzen Bevölkerung diente und aus allen sozialen Schichten unterstützt wurde. Zum zweiten Teil: Nein. Zwar sollte eine Partei, die den Anspruch erhebt, Mitgliederpartei zu sein, auch Mitglieder haben, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass es mehrere 100.000 sein müssen. Mitgliederpartei kann auch sein, wer seinen Mitgliedern das Gefühl gibt, gebraucht zu werden und damit einen ganz besonderen Mitgliedertyp fördert: den aktiven Experten, der sich sachbezogen einbringen möchte und es auch kann. Das heißt, es geht nicht darum, viele Mitglieder zu haben, sondern die richtigen!

Eine ganze Fülle von qualifizierten Mitgliederaufgaben bietet sich dabei an. Angefangen von den Mitgliederrechten, die je ohnehin bestehen, wie Beteiligung an allen innerparteilichen Entscheidungen, über die Möglichkeit, durch aktive Mitgliedschaft Einfluss auf die Gestaltung des unmittelbaren Lebensumfeldes Einfluss zu nehmen oder für öffentliche und Parteiämter zu kandidieren, könnten Mitglieder künftig auch viel mehr als dies bislang der Fall ist an innerparteilichen Grundsatz- oder Strategiepapieren, an der Ausarbeitung eines örtlichen Bebauungsplans oder anderen (lokal)politischen Beschlussvorlagen mitwirken – heute mehr denn je auch online. Die Parteien wissen doch, wer ihre Mitglieder sind und über welche Fähigkeiten sie verfügen. Diese sollten von den Mitgliederparteien auch abgefragt werden. Das nützte am Ende beiden Seiten: Den Mitgliedern, weil sie das Gefühl bekommen, in der Partei wirklich eine Rolle zu spielen, und den Parteien, weil sie kostengünstiges Fachwissen erhalten und nicht zuletzt, weil so die von den Parteien angestrebte „Begeisterung“ der Mitglieder für die Partei(arbeit) steigen dürfte.

Mitglieder- oder Volkspartei ist eine Partei deshalb nicht vor allem dann, wenn sie viele Mitglieder hat und noch mehr will, sondern dann, wenn sie den vorhandenen Mitgliedern die Gelegenheit gibt, sich stärker in die Partei einzubringen und ihnen zeigt, dass sie gebraucht werden, dass ihre Meinung, ihr Wissen und ihr Engagement auch gefragt sind. Volksparteien werden immer Bedarf an Mitgliedern haben. Durch mehr qualifizierte Partizipation könnten sie jedoch attraktiver für Mitglieder werden, die über spezielle Fähigkeiten verfügen und diese auch einbringen können. Auf diese Weise können die Volksparteien möglicherweise auch den seit Jahren anhaltenden Negativtrend der Mitgliederentwicklung stoppen. Statt Quantität zählt künftig mehr Qualität der Parteiarbeit!

Karsten Grabow

Ein Kommentar

  1. Nicht wirklich hilfreich.
    Mitglieder werben gestaltet sich in Zeiten von Internet und sinkendem Politikinteresse für die großen Parteien immer schwerer. Um so wichtiger ist es neue Wege zu finden “Nichtmitglieder” anzusprechen und sie für Parteiarbeit zu begeistern.
    Da ich selbst in keiner Partei bin, kann ich zu den “Motivationmissständen” in einer solchen Partei wenig sagen und sicher ist es richtig, dass intern Probleme behoben werden. Wichtiger ist es die Partei als solche zu verjüngen und neue engagierte Mitglieder zu finden und so die Ideen der Partei auf ein breiteres Fundament zu setzen. Eine Volkspartei braucht Qualität und Quantität!
    Parteimitglieder in richtige und “unrichtige” zu unterscheiden ist genauso falsch, wie Wortfelder aus dem Kontext zu reißen und zu analysieren um so eine Parteilinie zu beschreiben.

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