Diskussion über Parteien mit Zukunft

Prof. Karl Rudolf Korte: “Wir leben in einer Aufregungsdemokratie”

| 2 Kommentare

Angesichts immer knapper werdender Zeitressourcen für immer komplexere Entscheidungen sieht der renommierte Politikwissenschaftler Professor Karl-Rudolf Korte die politische Kommunikation vor einer Zeitenwende. „Wir leben in einer Aufregungsdemokratie, die eine andere Art der Kommunikation erforderlich macht. Die Welt tritt aufs Gaspedal, und wir sind dabei“, so Korte anlässlich der Eröffnung der 12. Internationalen Konferenz für politische Kommunikation in Berlin. Die gesamte Rede als Mitschnitt…

Mehr zur IKPK14 gibt es unter www.kas.de/ikpk14.

2 Kommentare

  1. Die Zukunft hat schon begonnen. Mit Oberflächlichkeit.

    Es ist doch eigenartig, dass erst jetzt dieses Thema (auch bei anderen Autoren) akut wird. Die medialen Turbulenzen bestehen doch schon seit Jahren. Herr Gauck hat kürzlich gesagt, dass, wenn er um 11° 07 eine Presseveröffentlichung abgibt, um 11°08 bereits der 1. Kommentar im Netz ist.

    Die Informationen überschlagen und überholen sich gegenseitig. Der persönlich notwendige politische Konsum kann mit der Schnelligkeit des Angebotes nicht mehr schritthalten. Nicht genug dieser Schwierigkeit, wird auch die Komplexität der Probleme immer virulenter. Die ursprüngliche Pflicht, sich politisch zu informieren, ist auch im früher politisch staatstragenden Bürgertum zum schnelllebigen und kurzweiligen Konsum verkommen. Selbst der ausführliche Hintergrundkommentar wird nur noch zum Spezialgebiet der Leserbriefschreiber und Hobby-Politiker. Schnelligkeit und Komplexität lassen eine objektive Information nur noch bei wenigen zu, so dass sich die Konsumenten überfordert fühlen müssen. Das Ergebnis ist ein nicht eingestandener Frust über das Unvermögen des eigenen Wissens, den “wählerischen” demokratischen Anforderungen in Wahlen gerecht zu werden. Folgen sind Wahlverweigerung und Verdrossenheit. Um dies zu beweisen, könnten die Tageszeitungen die Lesegewohnheiten ihrer Abonnenten veröffentlichen. Da tun sich nicht, weil sie damit ihre Bedeutung schmälern könnten. Immer häufiger ist zu beobachten, dass auch die kritische Jugend, die Jungakademiker und alle, die sich für ein politisches Urteil berufen fühlen, nicht mehr die Tageszeitung oder ein anders Periodikum lesen. Lassen sie sich nicht von den oberflächlichen Leseranalysen (Frage: „Wie häufig lesen sie die Zeitung? Wie viele Personen in ihrer Familien lesen die Zeitung?) täuschen, denn über die Lesegewohnheiten (keine Politik, kein Feuilleton, nur Sport, nur Vermischtes, nur Ort, nur Überregionales, nur Aktien, oder von allem nur wenig, zu wenig) geben die Zeitungen ungern Auskunft. Dass aber leider immer häufiger nur noch die schreiende Überschrift oder die wenig informelle Zusammenfassung (im TV adäquat ähnlich) gelesen oder gesehen wird, um über das Weiterlesen zu entscheiden, werden die Medien nicht zugegen wollen. Zwar war der individuelle Lesekonsum schon immer so, aber der Anteil Derjenigen, die der Auswahl ihrer Leseentscheidung den medialen Qualitätsstandart von RTL2 zugrunde legen, wird leider immer größer. Selbst dem SPIEGEL, der FAZ, der ZEIT gehen massiv die Abos verloren. Der BILD ebenso, bzw. noch stärker. Stattdessen wird auf die Möglichkeit der Information im Netz verwiesen.

    Der Medienkonsum, bzw. die Vorauswahl je nach Zielgruppe und Ausrichtung, ist in einer Tageszeitung wie ein Mittagstisch im fremden Haus. Auch dort muss man notgedrungen konsumieren oder zumindest probieren, was einem vorgesetzt wird. Mit der stets möglichen überraschenden Erkenntnis, dass dann doch einiges besser schmeckt als man es je gedacht hat. So entsteht ein objektiver Geschmackshorizont, der immer wieder zu Neuentdeckungen führt. Die Information im Netz ist dagegen wie die Speisekarte in einem Lokal mit sehr großer und täglich wechselnder Karte. Entweder wird immer das Gleiche gegessen, oder je nach Preis oder hohem Anspruch der verheißungsvollste Genuss ausgesucht. Die Freiwilligkeit der Auswahl begrenzt dann auch in dieser Mediengewohnheit die Konsum-Erfahrung. Damit wird der Interessenhorizont massiv eingeengt. Und die Mandatsträger selbst? In den USA lt. Demokrat Dingell (dienstältester Kongressabgeordneter) : „Die Abgeordneten seien vor allem damit beschäftigt, den Millionen von Dollar nachzujagen, die man heute brauche, um eine Wahl zu gewinnen. Oft wüssten sie nicht einmal, was in den Gesetzentwürfen stehe…Keiner kennt die Gesetze, aber alle sind entrüstet“.

    Auch bei uns muss sich ein Abgeordneter notgedrungen, weil nicht sein Interessengebiet, auf ihm unbekannte Ausschussergebnisse verlassen. Gesetze werden zudem häufig von Kanzleien formuliert, weil selbst die Ministerien dazu nicht mehr in der Lage sind. Dann müssen die Wähler ja erst recht überfordert sein. Das Ergebnis wird jetzt beklagt. Die Entwicklung ist nicht steuerbar. Wir müssen damit zurechtkommen. Die Demokratie stützt sich aber auf das politische Urteil der Wähler.

    Was sind die Folgen? Immer weniger Bürger sind noch zu einem objektiven Urteil in der Lage. Die Voraussetzung und die Qualität eines durch Wahlen korrigierenden Urteils verliert an Bedeutung. Die Verwaltungen gewinnen an Einfluss. Droht ein demokratischer Verwaltungsstaat? Werden Zeiten turbulenter, kommt dann die Hochzeit der Wunderheiler? Oder droht die andere Alternative, dass eine spezialisierte Gruppe von besonderen „IQ-Bevollmächtigten“ die Wähler an die Hand nimmt?

    Über diesem ganzen Szenarium schwebt in der Demokratie als systemimmanenter Fehler der Opportunismus. Denn er fungiert in ihr als wahlwirksames Instrument der Wählerbeeinflussung. Er nutzt schamlos die Schwäche der Wahler aus. Er benutzt die, die nichts Besseres wissen als das, was sie wissen. Leider wird dieser Anteil immer größer. Die Geschichte beweist, dass noch nie eine Organisationsform, weder eine politische noch eine gesellschaftliche, auf Dauer Bestand hatte. Das Schicksal heißt abwarten.

  2. Kann daraus die Zukunft der Demokratie abgeleitet werden?

    Prof. Korte geht nur den halben Weg. Wo bleibt die ultimative Konsequenz? Nahezu alle sind doch zu vorsichtig um sie zu sagen. Wegducken ist keine Antwort, erst recht keine Lösung.

    Als Ergänzung der konzentrierte Weg zum Ergebnis:

    Der permanente Themenwechsel gibt das Tempo vor, aber auch die täglich gelebte Angstdemokratie stumpft ab. Um dem zu begegnen, muß mit immer neuer medialer Phantasie das Feuer geschürt werden. Wenn das nicht mehr hilft, wird die Nebensächlichkeit zum drohenden Weltuntergang befördert. Gagas Unterwäsche und Bohlens Herrenwitz werden zum Politikum. Auch wenn die ganze Aufregung umsonst war, es war doch so schön, sich passiv dramatisieren zu lassen, sich keiner Schuld bewußt zu sein. Es fehlt dann nur noch, dass jemand ernsthaft behauptet, dass dieser Entrüstungs-Frust für politische Psychopathen medizinisch wertvoll und die Ableitung für Stammtischbrüder eine Wohltat ist.

    Dem Trommelfeuer ist kaum jemand gewachsen. Weder die Konsumenten noch die Akteure. Zurück bleibt dem Flüchtigkeits-Erinnerer nur noch die vage Vorstellung, dass wieder einmal die Politik darin versagt hat, uns vor diesen Entgleisungen zu bewahren. Auch dieser Vorwurf reicht für die ganz persönliche Verdrossenheit aus. Die Startbahn West, die Trassenführung der neuen Stromleitungen, SARS und die vielen anderen “Säue”, die schon durch die Dörfer und Städte getrieben wurden und noch werden, lassen grüßen. Die Komplexität der Politik wird zur Hürde des Interesses. Was man nicht kennt und begreifen kann, wird zum drohenden Unheil. Was bleibt, ist der stupide Inhalt von Belanglosigkeiten. Kaum ein Politiker will sich dem Entrüstungsmarathon (Fr. Roth ist Meisterin) und der jeweiligen Volksverführung entgegenstellen. Man könnte ja als Beschwichtiger beschuldigt werden, die geschürten Ängste nicht ernst zu nehmen. Mit grünem Gift die unberechtigt geschürte Angst zu nähren, ist auch die neue Kunst der Ökologie. Wer in den Boden der Leichtgläubigkeit die Angst säht, wird Furcht und Misstrauen gegenüber dem System ernten.

    Fazit: Gedüngt wird die Saat durch den Opportunismus, der Achillesferse der Demokratie. Damit werden Wahrheiten unter die Decke gekehrt und die Saat der Unwissenheit und Lügen in Wahlen offiziell geerntet. In dem Maß, wie die Urteilsfähigkeit und Bereitschaft großer Teile der Bevölkerung schwindet, werden demokratische Wahlergebnisse fraglich. Damit wird unser System entwertet. Dann ist es nicht mehr weit bis zum demokratischen Offenbarungseid.

Wir laden herzlich ein, die Beiträge zu kommentieren. Es sei darauf hingewiesen, dass wir uns eine moderierte Kommentarfunktion vorbehalten. Wir sind neugierig auf Ihre Reaktionen und auf eine offene Diskussion mit Ihnen!

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*