Diskussion über Parteien mit Zukunft

Junge Wähler als Zukunft der Volksparteien?

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Junge Wähler wählen anders als ältere. Junge Wähler wählen unterdurchschnittlich häufig die CDU, dafür entscheiden sie sich häufiger als der Durchschnittswähler für die Grünen und für die kleinen Parteien, die meist nur unter „Sonstige“ ausgewiesen werden. Sind junge Wähler deshalb für die Volksparteien verloren? Oder wandelt sich ihr Wahlverhalten möglicherweise im Laufe ihres Lebens? Und weshalb wählen junge Wähler eigentlich anders als ältere Wähler?

Vorweg ein häufig übersehener Umstand: die Gruppe der Jungwähler zwischen 18 und 21 Jahre stellt mit 3,8 Prozent nur einen geringen Anteil der Wahlberechtigten. Die Wähler über 70 Jahre machen dagegen fast ein Fünftel der Wahlberechtigten aus. Zusätzlich liegt die Wahlbeteiligung unter den älteren Wählern deutlich höher als unter den jungen Wählern. Dazu ein Gedankenspiel: selbst wenn die Grünen alle Wähler in der Gruppe der 18-21jährigen mobilisieren könnten – dabei aber nur die Wähler dieser Altersgruppe – wären sie nicht im Bundestag vertreten, da sie an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würden. Wer dagegen nur alle Wähler über 70 Jahre mobilisieren kann, erzielt immerhin schon 18,9 Prozent der Stimmen. Daher wiegen Verluste bei den älteren Wählern schwerer und sind nicht ohne weiteres durch Zugewinne bei den jungen Wählern auszugleichen.

Betrachtet man die Entwicklung der Zweitstimmenanteile von CDU und CSU für die Bundestagswahlen 1972 bis 2009 getrennt für die gesamten Wähler und die jungen Wähler, sieht man, dass man nichts sieht. Der Anteil, den die Union unter den Jungwählern erzielen kann, liegt durchweg ca. 10 Punkte unter dem durchschnittlichen Wahlergebnis. Dass junge Wähler seltener für eine der beiden Unionsparteien stimmen, ist damit alles andere als ein neues Phänomen.

Eine Analyse der Daten der German Longitudinal Election Study 2009 ergibt, dass der Katholikenanteil unter den jungen Wählern geringer ist als in den anderen Altersgruppen. Des Weiteren sind die 18-30jährigen weniger kirchengebunden und weniger religiös als die über 60jährigen. Aber selbst bei den kirchennahen Wählern bestehen die beschriebenen Altersunterschiede in der Wahl der CDU. Damit kann die schwindende Kirchenbindung nicht die geringere Neigung der Jüngeren zur Union erklären.

Auch die Bildung scheint als Erklärung nicht geeignet zu sein. Die 18-30jährigen besitzen im Schnitt einen höheren Bildungsabschluss als die übrigen Altersgruppen. Der Anteil an Abiturienten ist bei den jungen Wählern mehr als doppelt so hoch wie unter den über 60jährigen. Da die Union bei den Jungwählern aber auch mehr Wähler mit höherem Bildungsabschluss hat, scheidet das höhere Bildungsniveau als Erklärung für den generell niedrigeren Stimmenanteil von jungen Unionswählern aus.

Überraschenderweise kann auch ein Altersvergleich der Werteinstellungen kein Licht ins Dunkel bringen. Die Wertepräferenzen der jungen Wähler ähneln denen der älteren Wähler erstaunlich stark. Vor allem Werte wie Sicherheit und Wohlstand, Verantwortung und Orientierung an Regeln stehen bei den Jungwählern genauso hoch im Kurs wie bei der älteren Generation.

Eine bessere Erklärung scheinen dagegen die politischen Einstellungen der Jungwähler zu bieten. Unter den jungen Wählern liegt der Anteil der Wähler mit einer Parteibindung um mehr als 8 Punkte unter dem Durchschnitt. Somit sind Jungwähler vermutlich volatiler und entscheiden bei jeder Wahl neu, bis sie eine längerfristige Parteibindung entwickelt haben. Gleichzeitig stufen sie die Problemlösungskompetenz der CDU schlechter ein als ältere Wähler. Stattdessen nehmen sie die Grünen überdurchschnittlich häufig als kompetent für die Lösung von Problemen wahr. Des Weiteren sind junge Wähler im Schnitt weniger politisch interessiert als die übrigen Altersgruppen. Nun schneidet die Union aber bei den politisch interessierten Jungwählern am besten ab. Wenn also die Union bei den Jungwählern stärker die politisch Interessierten anspricht, in dieser Gruppe das politische Interesse aber generell am niedrigsten ist, könnte dies mit eine Ursache für die niedrigeren Wahlerfolge von CDU/CSU bei den 18-30jährigen sein.

Entscheidend für die Zukunft der Volksparteien ist nun die Frage, ob sich das Wahlverhalten der Generationen verändert hat (Generationeneffekt) oder ob sich das Wahlverhalten im Lebensverlauf verändert (Lebenszykluseffekt). Die Antwort ist ein ganz klares „sowohl als auch“. Läge ein reiner Generationeneffekt vor, müssten die Grünen 2009 bei den über 60jährigen einen Zweitstimmenanteil von 11,7 Prozent und bei den Wählern zwischen 45 und 59 Jahren von 14,9 Prozent erzielen. Tatsächlich kommen sie bei den über 60jährigen jedoch nur auf 5,4 Prozent und in der Gruppe zwischen 45 und 59 Jahren auf 14 Prozent. In der Gruppe über 60 Jahre ist der Generationeneffekt folglich eher schwach ausgeprägt, in der Gruppe zwischen 45 und 59 Jahren schon deutlich stärker. Sein volles Potential entfaltet er aber auch dort nicht.

Wäre dagegen ein reiner Lebenszykluseffekt wirksam, müsste der Abstand zwischen den Altersgruppen über die Zeit hinweg konstant bleiben. Zwischen 1972 und 2009 variiert der Altersunterschied bei der CDU-Wahl tatsächlich nur minimal. Spielte die Position im Lebenszyklus umgekehrt keine Rolle, müssten CDU und CSU 2009 in der Altersgruppe der über 60jährigen einen Anteil von 25,3 Prozent erlangen. Stattdessen erzielen sie in dieser Altersgruppe aber 44,3 Prozent der Stimmen. Mit zunehmendem Alter sind folglich immer mehr Wähler dieser Generation zur CDU gewandert.

Höchstwahrscheinlich handelt es sich daher um eine Mischung aus Generationen- und Lebenszykluseffekt. Die Union wird im Lebensverlauf attraktiver für die Wähler, da sich mit zunehmendem Alter ihre Lebenslagen und damit ihre politischen Präferenzen verändern.

Sabine Pokorny

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