Diskussion über Parteien mit Zukunft

„Bürgerlich“ als strategischer Begriff

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Der Kampf um das Bürgerliche ist eröffnet. Die Sozialdemokraten und die Grünen sind aktiv: Im besten Fall wird die Bedeutung des Begriffes heruntergespielt, im schlimmsten Fall wird versucht, ihn zu übernehmen und neu auszudeuten. Dabei ist die begriffliche Kernspaltung das Mittel der Wahl: rot-grüne Citoyens auf der einen Seite, schwarz-gelbe Bourgeoisie auf der anderen. Ein konservativ-marktradikales Klientelbürgertum wird einem aufgeklärt-intellektuellen und selbstverständlich linksliberalen Bürgertum entgegengesetzt. Bewirkt wird damit aber in erster Linie eines: Man spricht über Bürgerlichkeit und macht den Begriff mehr denn je zur Bezugsgröße des politisch-medialen Diskurses. Ein strategischer Vorteil in der Deutungsschlacht für die bürgerlichen Parteien, den sie stärker ausspielen müssen.

Bürgerlichkeit ist ein Begriff, der attraktive Eigenschaften vereint, ohne sich selbst herausragender Beliebtheit zu erfreuen: Gemeinwohlorientierung, Bildungsaffinität, aktiv nach Beschäftigung suchen, auf Beständigkeit, Nachhaltigkeit und Berechenbarkeit orientiert zu sein, ein Anspruch auch ästhetischer Art – Assoziationen des Bürgerlichen machen die Attraktivität über das konservative und wirtschaftliberale Milieu hinaus aus. Kein anderer Sammelbegriff kann diese Eigenschaften vereinen. Das Bürgerliche ist ein Sicherheitsversprechen, das die Mittelschicht in ihren Statusorientierung anspricht. Wer bürgerlich lebt, der ist vor Abstieg gefeit, so die neue Gleichung der deutschen Mittelschicht: „Nur weil sie täglich Gemüse essen, ihr Kind nicht Kevin nennen und abends im Bett Geschichten vorlesen, glauben viele in der Mittelschicht, sie seien schon Elite“, schreibt die taz-Redakteurin Ulrike Herrmann. Die sich in dieser Zuspitzung versteckende Sehnsucht, als anspruchsvolle und aufstiegsorientierte bürgerliche Mitte wahrgenommen und angesprochen zu werden, müssen die bürgerlichen Parteien aufgreifen.

Die Grenzen des Bürgerlichen aber sind fließend. Die Zuordnung, wer bürgerlich ist und wer nicht, ist sicher nicht mehr ganz so einfach wie vor einem halben Jahrhundert. Relativer Wohlstand in breiten Teilen der Gesellschaft, das Verschwinden der Arbeiterklasse, die Entstehung einer neuen Unterschicht, zudem neue Superreiche, die weder im Habitus noch in ihrer schieren Zahl bürgerliches Maß annehmen – all das hat zur Unschärfe des Begriffes beigetragen. Umso mehr ist Bürgerlichkeit ein Chiffre für die „Mitte“ der Gesellschaft geworden. Durch die Verlagerung des traditionellen Familienbildes aus einer deutlich bürgerlichen in eine klar konservative Zurechnungssphäre fällt ein weiteres Unterscheidungskriterium weg: Was früher als ungeordnete, nichtbürgerliche Lebensformen daherkam, ist heute Alltag. Konservativ in Familienfragen zu sein, wird gleichgesetzt mit der Nichtanerkennung gesellschaftlicher Realitäten. Das Bürgertum hat sich auf der Werteachse deutlich zur Mitte und zu vormals linken Werten hin geöffnet, auch mit Auswirkungen auf die Präferenz politischer Parteien: „Experimentalisten bilden das jüngste Mittemilieu in Deutschland … [Sie] geben sich gerne toleranter, neugieriger, offener als die älteren Bewohner der konventionellen bürgerlichen Mitte“ (Franz Walter). Konservative Positionen alleine sind im bürgerlichen Lager nicht mehr mehrheitsfähig, gesellschaftlicher Liberalismus ist heute Mainstream in Deutschland. Den Bürgerlichen gesellschaftspolitischen Revisionismus vorzuwerfen, verfängt längst nicht mehr.

Die Begriffsunschärfe und die Abnahme der Unterschiede zwischen Bürgerlichen und Nichtbürgerlichen eröffnen Chancen für das bürgerliche Lager. Durch die Sinnverwandtschaft positiver Attribute in der Lebensführung, die als bürgerlich verstanden werden, muss der Begriff vom bürgerlichen Lager stärker mit Ausstrahlung und Leben gefüllt werden. Dadurch entstehen Vorteile im Wettbewerb der Volksparteien um die politische Mitte. Erstens, die Etablierung einer strategischen Marke, die Identifikationsmöglichkeiten für breite Bevölkerungsschichten – auch urbane Milieus – bietet. Durch diese veränderte Ansprache wäre die Tür für neue Partizipationsanreize von (Noch-)Nichtmitgliedern geöffnet. Zweitens, die Möglichkeit, innerparteiliche Policy-Diskussionen auf der Plattform der Marke „bürgerlich“ zu führen und so Kohärenz und inhaltliche Strategiefähigkeit der Volkspartei zu ermöglichen. Drittens, die Verbesserung der Kampagnenfähigkeit (kurzfristig und langfristig) durch ein begriffliches Leitbild und die semantische Festschreibung einer ohnehin gedachten Verbindung von „bürgerlich“ mit dem bürgerlichen Lager.

Florian Schartau

2 Kommentare

  1. Vielleicht sollte die “bürgerliche Mitte” einmal kontemplieren darüber, was das Wort “Bürger” eigentlich bedeutet. Mich nervt es ehrlich gesagt extrem, wie um diese Definition gestritten wird. Heute ist der Bürger laut Pressemitteilung der, der die CDU/CSU wählt, morgen ist es der, der die SPD wählt.

    Ein Bürger ist geschichtlich ein Mensch, der den Schutz durch die Burg sich verdient hat. Genau daran sollte man “Bürger” messen. Tragen sie etwas dazu bei, die Burg zu beschützen, ihren Wirtschaftskreislauf zu unterstützen? Wenn nicht, sind die keine Bürger. Das ist im Übrigen auch historisch ganz unabhängig von der Herkunft. Ein Mensch, der jetzt der Bürgerschaft hilft, ist ein Bürger, und verdient die Unterstützung der anderen Bürger.

    In Sachen Griechenland… Ist Griechenland ein “First-Class”-Bürger in der EU? Nein. Sind die Griechen Bürger der EU? Die meisten schon. Man muss ihnen nur die Herrscher wegschlagen. Die Griechen als solche sind nämlich ziemlich coole Menschen, mit klarem Verstand und gutem Willen. Dass in diesem Land die Korruption allerdings Alltag ist wie das Zähneputzen, das liegt an uns.

    Wenn die Burg Europa sein soll, dann müssen wir die Korrupteure ächten. Egal, ob sie Banker, Drehbanker, Politiker, Polit-Assistenten, Praktikanten, Müllwerker sind. Wenn sie korrupt sind, gehören sie nicht in die EU. Der Mangel an Gesetzeswerk hierzu in der EU ist empörend.

  2. Der vorherige Beitrag trifft nach meinem Vorstellungen weitgehend zu.
    Aber Korruption ist leider Weltweites “Kulturgut” und lässt sich sicher nicht abstellen.
    Wichtig ist, das es nicht zum Gesellschaftsmodell gemacht wird,wobei Griechenland noch ein kleines Licht ist (siehe Mexiko)
    Wahr ist auch das unsere angeblich so Vernünftigen Staaten aus Finanziellen Gründen alle Augen Schließen.

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