Diskussion über Parteien mit Zukunft

Wikipedia und Politik

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Politik ist die Beschäftigung mit den Regeln, die das Zusammenleben von Individuen steuern, oft mit dem Ziel diese Regeln zu ändern. Politik findet in demokratischen Gesellschaften auf mehreren Ebenen statt, die bekannteste dürfte die der Parlamente sein, die weiterhin von den Volksparteien dominiert werden und über deren Arbeit die Menschen sich in den Massenmedien informieren können. In den letzten Jahren hat sich neben den klassischen Massenmedien und ihrer Politikberichterstattung das Internet als zusätzliche Informationsquelle etabliert. Neben eher traditionellen politischen Inhalten, beispielsweise den Webseiten der Parteien, gibt es dort auch neue Formen der politischen Kommunikation, vielfach von den Nutzern des Internet selbst beigesteuert.
Eines der bekanntesten Projekte, das nahezu ausschließlich aus dem sogenannten User-Generated-Content besteht ist Wikipedia. Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer freien Online-Enzyklopädie durch eine Community von freiwilligen Mitarbeitern. Wikipedia ist eine der erfolgreichsten Internetseiten der Welt. Im Alexa-Traffic-Ranking liegt wikipedia.org in den Top-10, in Deutschland nutzen laut ARD-ZDF-Online-Studie 70 Prozent der Online-Nutzer das Nachschlagewerk (bei jungen Leuten über 90 Prozent). Die Aktiven der Community haben inzwischen über 1,3 Millionen Artikel allein in der deutschen Sprachversion verfasst. Es liegt nahe, in einem so großen Wissensprojekt, das so viele Menschen erreicht, nach Verbindungen zur Politik zu suchen. Und davon gibt es in der Tat mehrere.

Wikipedia besteht nicht nur aus enzyklopädischen Artikeln, sondern auch aus den vielfältigen Aktivitäten der Community, die diese Artikel schreibt, zum Teil angemeldet mit festem Account, zum Teil im Vorübergehen als sogenannte „IP“. Diese Aktivitäten sind zum großen Teil Diskussionen. Auf der Meta-Ebene wird das Projekt diskutiert, Regeln werden erlassen oder geändert, Vandalen und Nutzer, die sich schlecht benehmen, werden in ihre Schranken gewiesen, es wird über die nötige Relevanz von Personen, Einrichtungen und Gegenständen für einen Eintrag in Wikipedia gestritten, besonders gute Artikel werden als „lesenswert“ oder „exzellent“ ausgezeichnet. In vielen dieser Diskussionen findet sich schon der erste Bezug zur Politik: Projektpolitik – Teile der Community beschäftigen sich mit den Regeln, die das Zusammenwirken der großenteils anonymen Aktiven steuern: Wer ist stimmberechtigt, wenn ein Administrator gewählt oder ein Benutzer gesperrt werden soll? Dürfen nicht angemeldete Nutzer („IPs“) über exzellente Artikel abstimmen? Und welche Wortwahl ist im Streit noch akzeptabel, welche muss sanktioniert werden?

Diese politischen Prozesse wirken sich natürlich auch auf die Artikel-Diskussionsebene der Wikipedia aus: Auf den Diskussionsseiten der einzelnen Artikel wird über deren Aufbau, Inhalt, Bebilderung und die verwendeten Quellen gesprochen. Diese Debatten bleiben von der Projektpolitik nicht unbeeinflusst, das gilt vor allem in den besonders umstrittenen Bereichen des Projektes. Dazu gehören linke und rechte Politik (speziell wenn es um extreme Rechte oder extreme Linke geht), Religion (besonders in Verbindung mit Sexualität), alternative Medizin (und insgesamt alles Esoterische) sowie Umweltschutz und Klimawandel. Bei vielen dieser Artikel wird um jeden Satz, jedes Wort und auch um jedes Stück Literatur, das als Beleg dienen soll, gestritten. Die Diskussionsseite des Artikels über „Homöopathie“ (jene alternativmedizinische Strömung, deren Anhänger glauben, mit extrem verdünnten Wirkstoffen Gebrechen lindern oder heilen zu können) ist inzwischen deutlich länger als die Bibel.

Letztlich wirken sich Projektpolitik und allgemeinpolitische Diskussionen zwischen Communitymitgliedern natürlich auf den Inhalt der Artikel aus. Wer als reiner Leser in Wikipedia etwas sucht zu Themen, die die Menschen bewegen, die politisch relevant oder umstritten sind, wird schnell fündig. Zum Thema Arbeitsmarkt beispielsweise hat die deutschsprachige Wikipedia mehr als 170 Artikel im Angebot, dazu fünf Kategorien mit thematisch verwandten Artikeln. Auf diese Weise trägt Wikipedia zur politischen Bildung der Bevölkerung bei – aber auch zur Meinungsbildung, denn Neutralität ist zwar ein Wikipedia-Gebot, es wird jedoch nicht immer eingehalten und es gibt Wege, es trickreich zu umgehen.

Gesteigert wird die Reichweite Wikipedias dadurch, dass Journalisten regen Gebrauch von dem Nachschlagewerk zu Recherchezwecken machen. Auf diese Weise erreicht die Arbeit der Community zumindest teilweise auch diejenigen, die Wikipedia nicht direkt nutzen.

Die Reichweite und das Wirkungspotenzial von Wikipedia wecken natürlich Begehrlichkeiten, bei Werbetreibenden ebenso wie bei politisch Aktiven. Von Werbung, Marketingsprache und Manipulationsversuchen kann man freilich nur abraten, das geht in der Regel „nach hinten los“. Die Aktiven der Wikipedia verhindern – angesichts des Projektzieles „Enzyklopädie“ natürlich völlig zu Recht – von Unternehmen eingestellte Werbetexte genauso wie von Politikern geschönte Lebensläufe. Wer Einfluss auf Wikipedia nehmen möchte, der sollte ganz einfach ernsthaft, unaufgeregt und sachlich mitarbeiten und mit guten Quellen belegte Inhalte beisteuern. Das nützt erstens der Community, zweitens (in den meisten Fällen) den Interessen der dargestellten Personen, Parteien, Unternehmen und letztlich natürlich dem Leser.

Thomas Roessing

2 Kommentare

  1. Schöner, sehr klarer Artikel, der meinen Eindruck von Wikipedia bestätigt. Was mir etwas fehlt, ist eine Einschätzung der Zukunft von Wikipedia. Aber sonst sehr aufschlussreich!

  2. Dies dürfte in der Tat die erste Publikation sein, die die “internen” (dabei aber völlig offenen) Vorgänge politikwissenschaftlich betrachtet, die ein Gemeinschaftswerk wie die deutschsprachige Wikipedia als Resultat haben. Obwohl, wie gesagt, bereits der m.E. in der Politik unerreichte Grad der Transparenz einer Diskussion wert wäre, schafft es der Autor zunächst, viele relevanten Aspekte zu benennen und so Lust auf mehr zu machen. Für Außenstehende mag das aufgrund der Neuigkeit ausreichen, Wissende suchen bei dem Text jedoch vergeblich nach einem Fazit, und vielleicht ist es auch gut so.

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