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Wann glaubt der Bürger, von Politik betroffen zu sein?

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„Betroffenheit“ ist ein Modewort geworden. Für die Volksparteien ist das ein ambivalenter Begriff. Ihre Aufgabe ist es, verschiedene Strömungen zu integrieren und aus Einzelinteressen einen gemeinsamen politischen Willen zu generieren. Je mehr sich die Gesellschaft und damit auch die Politik individualisiert, desto schwieriger ist diese Aufgabe.

Wir haben uns das in der Forschungsarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung genauer angesehen. in vielen Befragungen haben wir den Eindruck bekommen, dass für viele Menschen Politik erst dann stattfindet, wenn sie quasi die Schwelle zur eigenen Haustür überschritten hat. Man spricht zwar über die „große“ Politik, aber erst wenn sich ein konkretes Problem ergibt, wird Politik als Akteur wahrgenommen. Das kann im Prinzip alles sein: vom Rentenbescheid, dem Bau einer Straße oder einem Studienplatz. Kurzum: Politik wird dann wahrgenommen, wenn eine gewisse persönliche Betroffenheit oder Involviertheit vorliegt. In dieser Umfrage[1] haben wir danach gefragt, ob der Befragte seit Jahresbeginn von einer politischen Entscheidung – unabhängig ob im Negativen oder Positiven – betroffen war, oder ob Auswirkungen einer politischen Entscheidung spürbar gewesen sind. 21 Prozent geben an, von politischen Entscheidungen betroffen gewesen zu sein, 77 Prozent erkennen hingegen keine Betroffenheit und weitere 3 Prozent können sich hierzu nicht äußern. Hier zeigt sich ein Widerspruch zur vorherigen Frage nach den politischen Ärgernissen. 66 Prozent haben sich über Politik geärgert, gleichzeitig fühlen sich 77 Prozent von politischen Entscheidungen nicht betroffen. Dies wirft die Frage auf, wie man sich über etwas ärgern kann, von dem man sich gar nicht betroffen fühlt? Ärger an sich stellt schließlich eine emotionale Betroffenheit dar. Eine endgültige Erklärung für diese Diskrepanz kann an dieser Stelle leider nicht vorgenommen werden. Hier wäre weitere Forschung nötig. Es liegt jedoch nahe, dass Politikferne keine Dichotomie (fern – nah) ist, sondern ein Kontinuum, auf dem Betroffenheit und Ärger unterschiedlich stark ausgeprägt sein können[2].

Dementsprechend niedrig fällt die Nennung der politischen Entscheidungen aus, von denen die Bürger betroffen waren: 5 Prozent nennen Themen, die im Zusammenhang mit Lebenshaltungskosten stehen und 4 Prozent – und hier vor allem ältere Befragte – geben das Thema Rente an. Alle anderen Themen haben Nennungshäufigkeiten von unter zwei Prozent. Aufgrund der niedrigen Fallzahl sind weitere Auswertungen nicht möglich. Von 4 Prozent aller Befragten wiederum wird die Auswirkung der politischen Entscheidung positiv beurteilt, 15 Prozent sehen eher negative Auswirkungen.[3]

In einem weiteren Komplex wurde die Frage nach der Betroffenheit von zukünftigen[4] politischen Entscheidungen erhoben. 34 Prozent geben an, dass sie glauben, in den nächsten Monaten von einer politischen Entscheidung direkt betroffen zu sein, 60 Prozent vermuten, dass dies nicht eintreten werde und 6 Prozent äußern sich nicht. Vor allem Befragte mit Hochschulabschluss der mittleren Jahrgänge (35 bis 59 Jahre), leitende Angestellte/Beamte und Selbständige nehmen an, von politischen Entscheidungen betroffen zu werden.

Auch hier fällt bei den relativ wenigen Nennungen von ca. einem Drittel der Befragten die breite thematische Streuung auf. 8 Prozent erwarten durch die Schuldenkrise von Politik betroffen zu werden, jeweils 3 Prozent erwarten die Themen Steuern(erhöhungen), Renten, Kosten und kommunale Entscheidungen. Alle anderen genannten Themenfelder (Kinderbetreuung, Inflation, Energiewende/Stromkosten, Arbeitsmarkt, Benzinpreise, Bildungs- und Gesundheitspolitik) werden von 1-2 Prozent aller Befragten erwähnt. Durch die offene Frage wird auch hier wieder deutlich, dass es vor allem finanzielle Aspekte der Themen sind, welche die Menschen bewegen.

Betrachtet man das Drittel derjenigen, die erwarten, von politischen Entscheidungen betroffen zu sein, gesondert, so sind 44 Prozent der Ansicht, dass sie ihr Thema bei einer Partei am besten aufgehoben sehen, 54 Prozent sehen das nicht so. Vor allem ältere Wähler und Anhänger der Volksparteien sind der Ansicht, dass sie bei einer Partei am besten aufgehoben seien.

Viola Neu/Sabine Pokorny

 

 


[1] Die Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. in einer repräsentativen Umfrage unter 2.074 Befragten grundlegende politische Einstellungen und Wahrnehmungsmuster von Politik in Deutschland untersucht. Die telefonische Befragung wurde zwischen dem 17. September und 2. Oktober 2012 von der Forschungsgruppe Wahlen durchgeführt

[2] Daneben kann man sich Politikfelder vorstellen, über die man sich ärgern kann, ohne selbst konkret betroffen zu sein (z.B. der Afghanistan-Einsatz).

[3] Aufgrund der niedrigen Fallzahl können weitere Auswertungen positiver oder negativer Folgen politischer Entscheidungen nach Themenfeldern nicht durchgeführt werden.

[4] Frage: „Einmal unabhängig davon, ob es um Entscheidungen der Bundesregierung oder um Entscheidungen bei Ihnen vor Ort geht: Glauben Sie, dass Sie in den nächsten Monaten direkt von einer politischen Entscheidung betroffen sein werden?“

Ein Kommentar

  1. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob man im Sinn von Claudia Roth gefühlsmäßig zutiefst betroffen ist, oder ob man beweisen soll, dass man von etwas persönlich nachteilig (finanziell) betroffen ist. Für das Erstere ist jede RTL-Sendung geeignet, für das Zweite bedarf es schon des Beweises.

    Zitat: “…haben wir danach gefragt, ob der Befragte seit Jahresbeginn von einer politischen Entscheidung – unabhängig ob im Negativen oder Positiven – betroffen war, oder ob Auswirkungen einer politischen Entscheidung spürbar gewesen sind. 21 Prozent geben an, von politischen Entscheidungen betroffen gewesen zu sein, 77 Prozent erkennen hingegen keine Betroffenheit und weitere 3 Prozent können sich hierzu nicht äußern. Hier zeigt sich ein Widerspruch zur vorherigen Frage nach den politischen Ärgernissen”.

    Ich verstehe Ihr Unverständnis nicht. Politisches Ärgernis ist doch ein moderne mediales Grundrecht. Man hat auf allen Kanälen, intellektuell rötlichgrün gesteuert, doch ein Anrecht darauf zu glauben und zu wissen, dass die Welt demnächst untergeht und dass der Staat und seine Mohikaner, bis zum Beweis des Gegenteils, unfähig und ungerecht ist. Zwar glauben das bei weitem nicht Alle, aber alle Fragenden werden mit traumwandlerischer Fähigkeit die finden, die so denken.

    Die Deutschen sind öffentlich die zur traumatischen Realität gewordenen Pessimisten. Und davon lebt die Presse. Alle Medien (und leider auch jede Opposition!) leben doch davon, dass Sensationen, auch wenn sie keine sind, indoktriniert werden. Diese Angriffe an die Leichtgläubigkeit, mit Hilfe der folgenden wohligen Gewissheit, dass verlässlich nur die Anderen Schuld sind, trifft auf einen immer größeren Teil der Wähler. Das sind die, die Simpsons als einen kulturellen Hotspot verstehen und die Castingshows als tägliche Realität und beste persönliche Chance begreifen. Und dann wundern Sie sich über die Folgen dieser täglichen Flachbettintelligenz? Aber es gibt einen Trost. Wir sind wahrlich nicht alleine mit dieser demokratischen Entwicklung. Im Gegenteil, fahren Sie mal nach Italien oder England und fragen dort auch etwas anspruchsvollere Personen nach ihrem Politikverständnis. Da sind wir noch im gelobten Land.

    Das Ergebnis ist, dass man zwar immer betroffen zu sein hat, soll man aber diesen Zustand begründen, fehlt die Tiefe. Und wenn Sie jetzt noch wissen wollen, an welchen Details man das festmachen kann, dann sei verwiesen auf die Meldung der WELT vom 3.7.13, wonach im 1. Quartal 2013 die Auflagen der Zeitungen um ca. 3% (von 23,08 Mio. auf 22,23 Mio. gefallen sind. Verfolgt man diese Meldungen, dann zeigt sich, dass zwar die Zahl der Periodika steigt, die Abo-Zahlen der Tages- und Informationszeitungen schon seit Jahren ständig sinken. ABO-Zahlen des SPIEGEL: 2001 noch 1,12 Mio., 2012 nur noch 870Tsd. BILD-Auflage: 1998 noch 4,5 Mio., 2012 nur noch 2,67 Mio. Und bei den Tageszeitungen sieht es nicht anders aus. Mit diesem Rückgang steigt proportional auch das Unwissen. Die Versuche, dieses Manko auszugleichen, münden dann im Sammelsurium der Kurznachrichten im Smartphone. Was dabei herauskommt, ist ihr Unvermögen des Verständnisses von Umfrageergebnissen. So einfach ist das.

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