Diskussion über Parteien mit Zukunft

Linda Zervakis

Wahrnehmung von Politik

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Für die Zukunft der Volksparteien ist nicht nur die eigene „Performance“ wichtig. Sie sind als große Parteien, die viele gesellschaftliche Strömungen im Idealfall in sich vereinen auch davon abhängig, wie Politik insgesamt wahrgenommen und beurteilt wird. Aus den Ergebnissen mehrerer qualitativer Befragungen in den letzten Jahren haben wir in der Konrad-Adenauer-Stiftung den Eindruck gewonnen, dass die Wählerinnen und Wähler Politik meist nur selektiv wahrnehmen. Es wird zwar über die „große“ Politik gesprochen, man nimmt auch die wichtigsten Themen wahr und macht sich darüber Gedanken, doch richtig wird Politik erst wahrgenommen, wenn man selbst, oder das unmittelbare Umfeld von Maßnahmen der Politik betroffen ist. Nun ist diese Erkenntnis nicht neu, relativiert jedoch auch umgekehrt die Relevanz mancher medialer Diskussion über politische Themen. Die breite Bevölkerung nimmt die diskutierten Inhalte häufig nur wahr, wenn sie einen konkreten Bezug zur eigenen Lebensrealität aufweisen. Ansonsten handelt es sich vorwiegend um Diskussionen zwischen Medien- und Politikvertretern.
In unserer Umfrage[1] wollten wir herausfinden, welche Themen für Gesprächsstoff sorgen. Gleichzeitig sollte die aktuelle politische Problemagenda so wenig wie möglich stimuliert werden, damit nicht einfach die aktuellen Probleme wiederum gemessen werden. Dies ist natürlich nicht zu verhindern. Durch Variationen in der Fragestellung ergibt sich jedoch ein anderes Bild, als das der typischen Liste der wichtigsten politischen Probleme, wie sie regelmäßig z.B. im Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen oder im DeutschlandTrend von Infratest dimap veröffentlicht werden.

Zunächst wollten wir wissen, ob sich die Befragten in der jüngsten Zeit richtig über politische Entscheidungen geärgert haben. Und hier sagen immerhin 66 Prozent, dass sie das getan hätten. Gleichzeitig geben 77 Prozent an, sich nicht von politischen Entscheidungen betroffen zu fühlen. Dies wirft die Frage auf, wie man sich über etwas ärgern kann, von dem man sich gar nicht betroffen fühlt?

In der Anhängerschaft der Linken sind politisch Verärgerte mit 88 Prozent am stärksten vertreten. Bei den Nichtwählern mit 57 Prozent ist der Anteil derjenigen, die sich über Politik geärgert haben, am schwächsten vertreten. Dies korrespondiert mit Erkenntnissen aus der Nichtwählerumfrage[2] der Konrad-Adenauer-Stiftung, bei denen die Nichtwähler eine große Distanz zur Politik zeigen. So könnte es sein, dass die Distanz zur Politik groß genug ist, dass sie sich nicht einmal über Politik ärgern. Am stärksten ärgern sich ältere Wähler mit höherer Bildung (75 Prozent), am wenigsten jüngere Wähler (unter 34 Jahre) mit niedriger Bildung (51 Prozent).

Anderseits heißt dies auch, dass etwa ein Drittel der Befragten sich nicht über Politik geärgert haben.

Dabei ist das Thema, das auch hier die Menschen bewegt, wie in allen anderen Umfragen auch, die europäische Schuldenkrise. 22 Prozent nennen Themen, die in diesem Kontext relevant sind. Allgemeinen Politik(er)verdruss geben 9 Prozent an, 8 Prozent nennen die Rente, 7 Prozent Fragen im Themenfeld Kinderbetreuung und finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung, 6 Prozent das Themenfeld Staatsschulden/öffentliche Finanzen, 5 Prozent Aktuelles, 4 Prozent sprechen über ihren Lebensstandard, jeweils 3 Prozent nennen kommunale Probleme, die Bildungs- oder Gesundheitspolitik, die Benzinpreise und E 10 sowie die Energiewende, 1 Prozent den Mindestlohn und 5 Prozent andere Themen. Weitere 7 Prozent machten keine Angaben. Insgesamt haben 41 Prozent kein Thema benannt, über das sie sich geärgert haben.

Da die Frage offen gestellt wurde, konnte gut erfasst werden, was die Menschen in den einzelnen Feldern umtreibt: Meist ist es schlicht das „liebe Geld“. Bei fast allen genannten politischen Ärgernissen, wird deren finanzieller Aspekt in den Vordergrund gerückt. Dies kann recht vielfältiger Natur sein: einige sind der Ansicht, dass der Sozialstaat zu üppig ausgestattet sei, andere widersprechen dem massiv, bei vielen findet man jedoch weit verbreitete Sorgen, dass der eigene Lebensstandard eingeschränkt werden muss, weil entweder Kostensteigerungen in den unterschiedlichen Politikfeldern verborgen sind oder die eigene Einkommenssituation sich verschlechtern könnte. Das „große“ Thema, das die Nation bewegt, schält sich hingegen nicht heraus.

In den Anhängerschaften der Parteien zeichnet sich keine spezifische Agenda ab. Fast überall ist das Antwortverhalten ähnlich. Dies gilt im Wesentlichen auch für sozialstrukturelle Merkmale mit der Ausnahme Alter: die jüngeren Befragten (unter 34-Jährige) äußern sich deutlich seltener über Ärger als die älteren Befragten, nach der Formel, je älter der Befragte, desto höher ist der Anteil derjenigen, die sich über politische Entscheidungen geärgert haben. Jedoch gilt dies nur bis zum 60. Lebensjahr, wo wiederum ein Rückgang der politisch Verärgerten feststellbar ist. Bei den älteren Befragten ist noch ein kleiner Bildungseffekt erkennbar. Befragte mit höherem Bildungsniveau äußern sich überdurchschnittlich häufig zu politischen Ärgernissen. Dieser Effekt ist bei jüngeren Befragten jedoch nicht sichtbar. 53 Prozent der unter 24-Jährigen benennt keine politische Entscheidung, die Ärger auslöst, in der Altersgruppe der 50-59-Jährigen haben sich nur 19 Prozent nicht über Politik geärgert.

Viola Neu/Sabine Pokorny

[1] Die Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. in einer repräsentativen Umfrage unter 2.074 Befragten grundlegende politische Einstellungen und Wahrnehmungsmuster von Politik in Deutschland untersucht. Die telefonische Befragung wurde zwischen dem 17. September und 2. Oktober 2012 von der Forschungsgruppe Wahlen durchgeführt

[2] Viola Neu, 2012,„Dann bleib ich mal weg“ Der Mythos der Partei der Nichtwähler, Sankt Augustin/Berlin

Ein Kommentar

  1. Was denn nun? Eine wahre und wache Kenntnis von Politik? Oder wird die Ware Politik so konsumiert, wie sie medienwirksam angeboten wird?

    Aufschluß gibt das Paradebeispiel Stuttgart. Erst hat die Bevölkerung vernommen, dass es einen neuen Bahnhof geben soll, der Stuttgart endlich reibungslos mit der großen weiten Welt verbindet. Mit dem Sackbahnhof in München wollte man sich zwar vergleichen, das Vorbild taugt aber nicht, weil dort zu viele Züge enden. Das Schicksal des Sackes in Frankfurt mit dem Bypass Airport war bekannt. So wollte man auch nicht auf Dauer enden und eines Tages vom eigenen Flughafen überholt werden. Außerdem ist auch Frankfurt eine andere Hutnummer als das immer noch provinzielle Stuttgart. Die Bahn war der Heilsbringer. Um die ausführlich angebotenen Details brauchte man sich ja nicht zu kümmern. Eine zeitlang.

    Dann kamen die ewigen Bedenkenträger des Fortschritts. Außerdem hatte man gerade Revolution gefeiert und glaubte, dass man auch auf anderen Ebenen gerade so weitermachen kann. Die bedenkenden Träger dieser Aktionen fanden dann auch prompt alle erdenklichen Haare in der Suppe. Es folgten die Sonderwünsche, die Schwierigkeiten, die Fehler. Es folgte die Überzeugung, das Stuttgart, eingezwängt in einem Kessel, der auch als Kochtopf dienen könnte, als städtisches Dorf doch viel schöner sein und bleiben kann als es die mit dem Bahnhofsneubau verheißenen Pläne versprechen. Perfid war dann auch noch, dass die Bedenkenträger teilweise recht hatten, weil sich sowohl Bahn als auch die Stadt vorher zu sicher waren. Die Kostenexplosionen bewiesen dass dann auch.

    Damit wurde dann das Projekt zu einer neuen politischen Ware, für die Bahn und Stadt nicht mehr maßgeblich die Verkaufseigenschaften in der öffentlichen Wahrnehmung bestimmten. Dabei ist unbestritten, dass der Bahnhof für den ICE-Verkehr notwendig ist. Bleibt er ein Sack, besteht die Gefahr, dass Stuttgart abgehängt wird. Denn ein Schnellbahnnetz duldet nicht zu viele Umpolungen der Zugreihenfolgen.

    Man merke: Die wahre Kenntnis des Projektes war mühsam und solange vermeidbar, bis sich die mediale öffentliche Wahrnehmung der Sache annahm und der Bürger nicht mehr umhin kam, die Aufregung zur Kenntnis zu nehmen und sich zu positionieren. Damit war dann auch für Bahn und Stadt der Wahrheitskern als Diskussionsgrundlage schwierig zu vermitteln geworden. Die Gutmenschen-Öffentlichkeit bestimmte auch gleich, was denn die Wahrheit sein soll und welche Einkaufseigenschaften die Ware haben soll.

    Und dieses Prinzip ist allerorten zu betrachten. Wird die Wahrheit nicht wahrgenommen oder gar vertuscht, wird die Wahrheit zur Ware, wenn sich die Öffentlichkeit selbst der Wahrnehmung annimmt und sich dann auch praktischerweise gleich für die mediale Ware die Ver- und Einkaufsbedingungen nach eigenen Bedürfnissen zurechtschneidert.

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