Diskussion über Parteien mit Zukunft

Sieg von Cameron: Message over Mechanics?

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Für Labour war es ein Schock, für viele Beobachter eine Überraschung: David Cameron und seine konservativen Tories gewinnen deutlich die Unterhauswahlen in Großbritannien. Noch Stunden vor der Wahl erinnerten die Diskussionen in dem Land, dessen Wahlsystem eigentlich auf klare Machtverhältnisse ausgelegt ist, stark an Debatten, wie wir sie auch hierzulande gut kennen: Gibt es einen klaren Gewinner? Wer regiert mit wem? Und vor allem: Gibt es am Ende gar eine Große Koalition?

Nun hat die zuverlässigste aller Umfragen – die Wahl – ergeben, dass die Tories allein, also mit einer absoluten Mehrheit an Parlamentssitzen weiterregieren dürfen. Insgesamt erreichten sie fast 37 Prozent aller Wählerstimmen; Labour kommt auf etwas über 30 Prozent. Beide sind damit mit Abstand die wichtigsten und größten Parteien in Großbritannien. Und mit Ausnahme (nicht unwichtiger Regionen) sind sie so etwas wie Volksparteien.

Das Ergebnis wird in den nächsten Tagen und Wochen aus einer Vielzahl von Blickwinkeln analysiert werden – nicht zuletzt zur Freude der Politikwissenschaft: Von Diskussionen zum Wahl- und Parteiensystem über politische Fragen der Europapolitik bis hin zu Folgen für die Debatte rund um die Unabhängigkeit Schottlands. Hier lohnen sich die fortlaufenden und fundierten Analysen unseres Auslandsbüros in London.

Auch wenn jetzt Verantwortung übernommen wird (Miliband, Clegg und Farage sind schon zurückgetreten), sollte man gerade mit Fokus auf die politische Kommunikation und Kampagnenführung einzelne Aspekte aller Kampagnen auf Interessantes und vielleicht auch für Deutschland Nutzbares abklopfen. Hier ein paar erste Erkenntnisse:

1. Botschaft bleibt Trumpf

Der Wahlsieg der Tories (und die Niederlage von Labour) ist ein Beleg für die Kraft einer guten Strategie und Botschaft. Sie sorgten durch Themenauswahl und Themensetzung für einen klaren Kontrast zu Labour und versuchten gleichzeitig, die Wählerwanderung an die europafeindliche UK Independent Party (UKIP) zu minimieren. Die Klammer bildete ein klar erkennbares „Weiter-so“. Und sie haben es geschafft, ihre Strategie und damit auch ihre Botschaft vergleichsweise stringent über den Wahlkampf durchzuhalten – das ist keine Selbstverständlichkeit.

2. Direkte Kommunikation und dezentrale Strukturen sind nach wie vor auf dem Vormarsch.

Trotz großer Bemühungen der Conservatives mehr „Kraft auf die Straße“ zu bekommen, sieht es danach aus, als wäre Labour hier fokussierter und effektiver gewesen. Nach eigenen Angaben machte Labour 75.000 Wählerkontakte pro Tag und übertraf damit weit die eigenen Erwartungen. Die verbreitete positive Stimmung bei Labour wird zumindest tendenziell auch durch Umfragen
gestützt: Danach hatte Labour drei Wochen vor der Wahl rund 10 Prozentpunkte mehr Leute in knappen Wahlkreisen erreicht als die Tories.

3. Labours Strukturreform gescheitert?

2011 begann Labour mit einer Strukturreform. Ziel war es, die Partei vor Ort zu stärken. So hat man die Parteizentrale in London verkleinert, um die Zahl der dezentral und vor Ort arbeitenden Mitarbeiter zu verdreifachen: von 100 auf 300. Die Kräfte sind an der Basis aber nicht nur personell gestärkt worden, sondern durch ein Ausbildungsprogramm gezielt qualifiziert. Gleichzeitig hat man den Kandidaten im Wahlkreis mehr Spielraum für eigene, lokale Themen gegeben. Maßgeblich beteiligt an diesen Schritten war der „Obama 08“-Veteran Arnie Graf, der bereits Ende 2010 als Verstärkung aus den USA geholt worden ist, um die Parteistrukturen kritisch zu analysieren und zu modernisieren.

Die Ergebnisse und Bewertung der Labour-Parteireform sollte nach dem Wahlergebnis nicht pauschal abgetan, sondern differenzierter betrachtet werden.

4. Social Media ist mehr als Freunde oder Follower – es ist ein Werbekanal

Insgesamt wurde im Wahlkampf vergleichsweise stark in die Schaltung von Werbung investiert – vor allem durch die Tories. Bereits Ende letzten Jahres gaben sie rund 100.000 Pfund (135.000 Euro) pro Monat aus – allein auf Facebook. Der Vorteil dieser Art der Werbung ist klar: Man bekommt die Botschaft direkt und zielgenau vor die Augen des potentiellen Wählers platziert. Allerdings will man nicht nur überzeugen. Vielmehr fordern die Parteien Unterstützung in Form von Spenden oder Canvassing ein; aber am aller liebsten hätte man nach wie vor gerne die E-Mail-Adresse.

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