Diskussion über Parteien mit Zukunft

Motive der Wahlentscheidung für Volksparteien: Vererbte Liebe?

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Weitere Erkenntnisse aus der qualitativen Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung

Wie werden eigentlich politische Einstellungen geprägt? Welche Motive beeinflussen die Wahlentscheidung für oder gegen eine Volkspartei? Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat in einer qualitativen Studie insbesondere bei Stammwählern gefragt.

Bei der Wahlentscheidung steht ganz klar die eigene, sehr persönliche und aktuelle Interessen- und Problemlage im Vordergrund. Gesamtgesellschaftliche Probleme werden zwar berücksichtigt, stehen für die Befragten jedoch nicht im Fokus. Sie erwarten stattdessen von einer Partei, dass sie ihre konkreten Probleme löst, die zwischen den Befragten sehr stark variieren: „dass die SPD mir nie Themen bot, mit denen ich mich identifizieren konnte oder die mich irgendwie wirklich was angingen“. 

Eine ideologische Ausrichtung lässt sich hingegen meist nicht feststellen. Politik und Parteien werden größtenteils ohne ideologische Bezüge und Prägungen betrachtet. Die Bewertung der Parteien orientiert sich rein an der wahrgenommenen Performanz: „Dass man halt eben letztlich den Mensch auch in den Vordergrund stellt ohne ideologische Grundwerte“.

Eine Gruppe von Befragten besitzt eine habituelle und emotionale Bindung an eine Partei. Das Wählen ist zur Routine geworden. Gleichzeitig identifizieren sich die Wähler mit der Partei und empfinden sie als ihre politische Heimat. Viele Befragte sind durch die Familie sozusagen naturgemäß zum Wähler einer bestimmten Partei geworden. Die Parteibindung wird gewissermaßen weitervererbt: „von meinen Großeltern, und für die war das also ganz selbstverständlich und auch jetzt für meine Mutter, dass man sich für die CDU entscheiden würde“. Insgesamt spielt das Elternhaus die größte Rolle bei der Prägung der politischen Einstellungen. Daneben wirken auch häufig der Freundeskreis, Personen aus der Schulzeit und prominente Politiker prägend.

Die Abwendung von einer Volkspartei ist oftmals die Folge davon, dass Wechselwähler sich nicht mehr angemessen in ihren Interessen vertreten fühlen. Sie empfinden zum Teil eine Entfremdung von der Partei, können jedoch meist keine konkreten Gründe dafür nennen. Es handelt sich eher um eine diffuse Unzufriedenheit und das Gefühl der Einflusslosigkeit. Viele Wechselwähler können sich aber eine Rückkehr zu „ihrer“ Partei vorstellen, wenn sie sich wieder glaubwürdig von ihr vertreten fühlen. Eine dauerhafte Abkehr ist als Prognose eher die Ausnahme: „ich hoffe, dass die Partei, die ich dann doch immer gewählt hab, dann auch wieder mehr die Richtung einschlägt, die ich bevorzugen würde“.

Bei all den geäußerten Einstellungen zu Politik und Politikern darf nicht übersehen werden, dass für die meisten Befragten Politik im Alltag nahezu keine Rolle spielt. Das politische Interesse der Befragten ist gering und politische Diskussionen im Freundes- oder Familienkreis sind äußerst selten. Ein drastisches und zum Teil auch erschreckendes Beispiel für das geringe politische Interesse und damit einhergehend ein geringes politisches Wissen liefert ein Interview:

Befragte:  „Heiner Geißler, der hier in Stuttgart diesen Schlichtungs… Und der…“

Interviewer:   „Aber der ist ja kein ehemaliger DDR-Politiker.“

Befragte:  „Doch! […] Der war bei uns, der Geißler war bei uns und der war kein Politiker, der hatte die Armee damals unter sich gehabt.“

Offensichtlich liegt hier eine Verwechslung mit dem früheren DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler vor. Wahlentscheidungen werden also nicht immer auf Grund von Tatsachen, sondern auf Basis von Wahrnehmungen getroffen. Politik wird von vielen Bürgern in ihrem Alltag kaum wahrgenommen und spielt außerhalb von Wahlzeiten nur eine untergeordnete Rolle. Dies trägt möglicherweise noch dazu bei, dass bei den Befragten das Gefühl entsteht, keinen Einfluss auf das politische Geschehen zu haben. Den ersten Teil der Zusammenfassung der Studie lesen Sie hier.

Sabine Pokorny

Bei der qualitativen Studie handelt es sich um einen sogenannten „Pretest“ für eine repräsentative Umfrage. Die GMS Dr. Jung GmbH hat dafür im Zeitraum vom 16. September bis 17. Oktober 2011 39 etwa 60-minütige qualitative Leitfadeninterviews im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung geführt. Für eine bessere wissenschaftliche Fundierung werden dann beide Ergebnisse gemeinsam veröffentlicht.

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