Diskussion über Parteien mit Zukunft

Die Zukunftsfähigkeit der Volksparteien

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Kommentatoren in Medien und Wissenschaft finden zunehmend Gefallen daran, SPD und CDU den Charakter von Volksparteien abzusprechen. Zu deutlich seien ihre Mobilisierungs- und Integrationsprobleme, zu deutlich ihr Mitgliederrückgang oder ihr Fall unter die einst als „Volksparteigrenze“ geltende 30%-Marke bei Wahlen, vor allem der der SPD. Für den Parteienforscher Peter Lösche und seinen früheren Assistenten Franz Walter ist das Zeitalter der Volksparteien passé. Lösche hält sie für „gesellschaftlich, politisch und historisch überholt“. Aber was kommt dann? Ist es erstrebenswert, wenn in Deutschland – je nach Region – drei bis vier 25%-Parteien und noch ein, zwei kleinere um die Wählergunst ringen, neue, möglicherweise auch unsichere oder kurzlebige Koalitionen eingehen und das Parteiensystem mehr und mehr zerfranst? Können und wollen wir uns wirklich von dem Parteimodell verabschieden, das über viele Jahrzehnte sehr erfolgreich die Politik der Bundesrepublik prägte und zum Teil noch heute prägt?
Sicher, für den gegenwärtigen Zustand der beiden großen Parteien in Deutschland sind weder die Medien noch Politikwissenschaftler verantwortlich. CDU und SPD haben mit dem rasanten gesellschaftlichen Wandel, den sich immer stärker ausdifferenzierenden und sich „individualisierenden“ Politikerwartungen und Partizipationswünschen der Bürgerinnen und Bürger nur bedingt Schritt halten können, mit der Folge, dass den Volksparteien das „Parteivolk“ – Mitglieder wie Wähler – massenhaft abhanden gekommen ist.

Was aber macht eine Volkspartei aus? Viele Mitglieder, möglichst aus allen sozialen Schichten? Ein dichtes Netz an lokalen Geschäftsstellen mit einem ritualisierten innerparteilichen Leben? Sicher nicht nur – oder besser: nicht mehr. Wer auch immer über die Zukunftsfähigkeit der Volksparteien nachdenkt, sollte sich nicht der Illusion hingeben, sie könnten zu früherer Organisations-, d.h. vor allem alter Mitgliederstärke zurückfinden. Die Mitgliederniveaus der 1970er und 1980er Jahre scheinen heute in der Tat nicht mehr erreichbar, weil die sozialen und ökonomischen Bedingungen, die den organisatorischen Aufstieg der Volksparteien ermöglicht haben, heute ebenso nicht mehr existieren wie die einstmals relativ fest gefügten sozialen Milieus, die das sozio-kulturelle Rückrat der Volksparteien bildeten, von wo aus sie sich auf den Weg zur „Eroberung“ der „politischen Mitte“ machten oder der auf den Nationalstaat begrenzte politische Steuerungsraum. Von einem derartigen Volksparteiverständnis – viele Mitglieder, ein sozial oder kulturell sicheres Stammwählerreservoir und eine gewisse Überschaubarkeit des Zuständigkeitsbereichs – müssen wir uns wohl in der Tat verabschieden.

Dennoch: Eine Volkspartei steht für „das Ganze“. Sie nimmt gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahr, ist dem Gemeinwohl verpflichtet und nicht nur dem einer gut organisierten und ebenso artikulationsfähigen Klientel. Sie bildet annäherungsweise die gesamte ge­sellschaftliche Vielfalt ab und integriert diese durch ihre funktional und regional gegliederte Parteiorganisation. Nur Volksparteien waren und sind in der Lage, unterschiedliche ökonomische, soziale, konfessionelle und kulturelle Interessen zu integrieren, zu repräsentieren, auszugleichen und in Politik umzusetzen, die breite gesellschaftliche Zustimmung fand. Nur Volksparteien haben die relevanten, breit streuenden Politikfelder be- und dabei Lösungskonzepte erarbeitet, um die dann zwar häufig in langwierigen Prozeduren gerungen wurde, die aber, ganz im Gegensatz zu den Handlungen von sozialen Bewegungen, breite demokratische Legitimation beanspruchen konnten und auch heute immer noch können. Das zählt neben den Integrations-, sozialen Ausgleichsleistungen und den größtenteils auf breitem gesellschaftlichen Konsens stehenden Politiklösungen der Vergangenheit zu den unbestreitbaren Verdiensten und Vorzügen der Volksparteien.

Gibt es für die Volksparteien eine Zukunft?

Die Potentiale für zukunftsfähige Volksparteien liegen heute vor allem darin, dass sie Zustimmung und Akzeptanz durch spürbare Leistung für den Großteil der Bevölkerung wiedergewinnen und gleichzeitig Anreize bereitstellen, die zur aktiven Teilnahme an der Gestaltung der Gesellschaft mehr einlädt als das in der Gegenwart der Fall ist. In Anlehnung an einen der Nestoren der Volksparteidiskussionen, Otto Kirchheimer, ist eine zukunftsfähige Volkspartei nicht zuerst eine catch all-Partei, sondern eine benefit all oder zumindest benefit many-Partei, die sich zwar nicht mehr auf frühere, heute nicht mehr herstellbare Organisationsressourcen stützen kann, aber einem Großteil der Bevölkerung „dient“, ihr zuhört, die Belange und Interessen der Bürgerinnen und Bürger aufnimmt und gemeinsam, d.h. auch in offenen lokalen Diskussionsforen Lösungen für die Probleme der Gegenwart und Zukunft erarbeitet und diese dann umsetzt.

Eine zukunftsfähige Volkspartei muss „liefern“. Ihr Wirken in Bundes- und Landespolitik muss sich für die Bürger in einem messbaren Nutzen ausdrücken, z.B. in „mehr Netto vom Brutto“ durch leistungsgerechte Steuer-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik, durch leistungsgerechte Bildungspolitik oder durch eine spürbare Verbesserung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit – v.a. in Großstädten. Wenn ihr diese Politikoffensive wieder gelingt, wenn sie Politik für Bürger macht, dann steigen auch Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit einer Volkspartei, dann trägt sie diesen Namen zu Recht, und dann hat sie auch (wieder) Zulauf.

Auf lokaler Ebene muss eine zukunftsfähige Volkspartei wieder verstärkt in Erfahrung bringen, welche Themen die Bürger bewegen, welches die dringlichsten Probleme im Kiez sind, wie sie angegangen oder gelöst werden können. Eine Volkspartei muss diesen partizipativen Themen- und Lösungssuchprozess anstoßen, die Initiative ergreifen, Verantwortliche und Entscheidungsträger wie MdB, Bundes-, Landesminister oder MdL in diesen Dialog einbeziehen und dann auch die Beschlüsse umsetzen. Auf lokaler Ebene müssen sich die Bürger wiederfinden. Hier sollen sie mitmachen (können), auch sporadisch, interessen- oder themengeleitet. Eine zukunftsfähige Volkspartei definiert sich deshalb auch darüber, dass sie den Bürgern immer wieder Gelegenheiten bietet, sich genau für die Bearbeitung bzw. Lösung politischer Sachfragen zu engagieren, seien dies „große“ Zukunftsfragen wie die der sicheren, bezahlbaren und ökologisch vertretbaren Energieversorgung, große Infrastrukturprojekte, Standortfragen oder lokale Probleme wie Bau oder Verlegung einer Umgehungsstraße, der Bau einer Schule oder einer Bibliothek. Gelingt diese Partizipationsoffensive, dann die Volkspartei auch wieder attraktiv(er), dann hat sie auch wieder Zulauf.

Der andauernde Dialog mit den Bürgern, Bürger- und Zukunftsforen, Anhörungen, die Beteiligung der Bürger an Planungsverfahren, ggf. auch Schlichtungen von Interessengegensätzen – das sind die politischen Partizipationsformen der Zukunft und nicht Mitgliederversammlungen mit den seit Jahren eingespielten Ritualen. In einer zukunftsfähigen Volkspartei geht es deshalb auch nicht (mehr) um veränderte Partizipations- und Abstimmungsverfahren für die eingeschriebenen Mitglieder und Beitragszahler, sondern darum, den vielfältigen Teilnahme- und Mitentscheidungsvorstellungen der Bürger zu entsprechen. Nicht „Mitglieder“- oder „Delegiertenprinzip“ ist die Frage, mit der sich eine Volkspartei heute beschäftigen sollte, sondern das „Mitmacherprinzip“, auch wenn das Mitmachen temporär ist oder die Motive des Mitmachens primär in der Sache als in der langfristigen emotionalen Wertebindung an eben diese Partei liegen.

Natürlich ist in einer derartig veränderten Volkspartei der Konflikt zwischen „Mitmachern“ und Funktionären vorgezeichnet, wie die seit langem anhaltenden Diskussionen um das Mitglieder- und Delegiertenprinzip oder die um „Urwahlen“ bei wichtigen Personalentscheidungen zeigen. Aber das Kerngeschäft einer Volkspartei ist nicht in erster Linie Traditionspflege, sondern die Suche nach überzeugenden und mehrheitsfähigen Politikangeboten, die den Bedürfnissen der sich zudem immer stärker und schneller wandelnden Bevölkerung entspricht – und das möglichst im Konsens nach innen und außen und auf allen erdenklichen Politikfeldern. Eine Partei, die Politik für die Bürger macht, die die Interessen (und Nöte) der Bürgerinnen und Bürger erfragt und sich eben diesen Interessen und Sorgen verpflichtet sieht, die gemeinsam mit den Bürgern überzeugende gesellschaftliche Leitbilder entwirft und Lösungen für die sich stellenden Probleme der modernen Gesellschaft erarbeitet, die für die Bürger einen spürbaren Nutzen erbringt, d.h. sich auch für die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger schlichtweg „lohnt“, die zudem auch Teilnahmemöglichkeiten anbietet, die den veränderten Teilnahmewünschen der Bürger entspricht, ist Volkspartei – unabhängig von der gegenwärtigen Mitgliederzahl und -struktur. Im hier skizzierten Sinne gewinnen Volksparteien auch wieder an Profil, Glaubwürdigkeit und Zustimmung, die sich in der Zahl ihrer organisierten Anhänger und Wählerzuspruch widerspiegeln wird und die schädliche Fragmentierung des Parteiensystems aufhalten kann. Darauf sollten sich die Strategen in den Parteien und auch die Kommentatoren in Medien und Wissenschaft besinnen. Auch wenn es  leichter ist und sich besser verkauft, die Volksparteien zu Grabe zu tragen: Es gibt noch viele Potentiale für unsere Volksparteien. Nun bedarf es den Mut und die Weitsicht, sie zu auszuschöpfen.

Karsten Grabow

12 Kommentare

  1. Guten Morgen,

    ein sehr interessanter Artikel, dem ich in weiten Teilen so zustimmen kann. Die Volksparteien waren für Deutschland wichtig, sie haben dieses Land extrem lange geprägt und werden es auch noch für einige Zeit prägen.

    Doch ich befürchte, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Teilweise haben sie das nicht selbst verschuldet(durch das Aufbrechen des sozialen Milieus). Teilweise sind die Volksparteien da aber selbst schuld dran. Gerade die CDU(aber in Teilen auch die SPD) arbeitet ja sehr aktiv gegen jegliche Partizipationsmöglichkeiten.

    Das kann man überall dort sehen, wo Vereine wie “Mehr Demokratie” vereinfachte Möglichkeiten für Volksentscheide fordern, aber auch bei Projekten wie Stuttgart 21. Dort gab es unglaublich große Kommunikationsdefizite, die sich dann in den sehr heftigen Demonstrationen konkretisiert haben.

    Wie oben geschrieben wurde müssen sich die Volksparteien darauf besinnen. Sie müssen dem Volk wieder zuhören, unabhängig davon, ob es aus Parteimitgliedern oder aus “unabhängigen” Bürgern besteht. Dass das Probleme provozieren wird kann ja aktuell am Beispiel der SPD sehen. Dabei ist gerade das Konzept der “Primaries”, wie es in den USA verläuft, durchaus sinnvoll um auch parteifremde Bürger zu mobilisieren.

    Diese Debatte werde ich auf jeden Fall weiter verfolgen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Johannes Rehborn

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  3. Pingback: Volksparteien sind Gemischtwarenläden | hildwin

  4. Eine “Volkspartei” ist für mich immernoch eine, die zu allen politischen Bereichen Standpunkte vertritt und in allen relevanten Bereichen (Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, Wirtschaft, Soziales, Umwelt, Friedenspolitiketc.) auch arbeitet – eben keine “Klientelpartei”, die sich mit 2-3 Themen zufrieden gibt um sich eine bestimmte Klientel quasi zu “sichern”.

    Bezeichnenderweise haben die “jungen” Demokratien Osteuropas mit vielen “Klientelparteien” begonnen, von denen sich einige im Lauf der Zeit zu Volksparteien entwickelt haben.

    In den “alten” Demokratien scheint die Entwicklung oft umgekehrt zu verlaufen, wie man an der steigenden Anzahl von “Nischenparteien” erkennen kann – wer weiß, warum.

  5. Die Zukunftsfähigkeit der Volksparteien!??
    Als 72-zig-jähriger Rentner und Mitglied der Senioren Union beklage ich die weite Entfernung der Politik/Politiker von der Lebenswirklichkeit. Gesetze und Beschlüsse der Volksparteien werden ohne Unterscheidung der Einkommensstrukturen über ” einen Kamm geschoren”. Aussagen wie: “Mehr Netto vom Brutto” stellen sich als leere Worthülsen heraus. Das sind nur zwei Punkte, die zur Politikverdrossenheit führen. Es gibt tausende Gründe dieser Art. Mir fehlt die Ehrlichkeit der Politiker im Tagesgeschäft. Mir fehlen Er- und Aufklärungen durch die Verantwortlichen in auch vom “einfachen” Bürger zu verstehendem Deutsch! Das bedeutet, dass Politiker vor allen Dingen auch sog. schmerzhafte Entscheidungen als solche auch klar definieren. Politiker, habt keine Angst vor der Wahrheit! Die zukünftig führende Volkspartei kann nur eine Partei der Wahrheit sein! Die Wähler und Mitglieder verstehen deutliche Worte mehr als Floskeln. Und zum Schluß noch dieses: Politische Äußerungen gehören in die Parlamente und nicht in Zeitungsinterviews. Volksparteien zeichnen sich auch durch Disziplin aus. Quatschköpfe gehören an den Stammtisch in der nächsten Kneipe.

  6. Die Zukunftsfähigkeit der Volksparteien, die war einmal. 3.9.11

    Ich bin seit 43 Jahren Mitglied der CDU. Bisher wurde der Begriff Volkspartei in erster Linie am Programmanspruch und daran festgemacht, wie groß der Stimmenanteil ist. Eine so bezeichnete Parteien-Volksgruppe setzte voraus, dass sie in ihrem Eigenverständnis weitgehend einheitlich und in ihrem Verhalten berechenbar war. Das war noch in den Zeiten der Fall, als der größte Teil der CDU- und SPD-Mitglieder und Wähler durch das sie prägende Elternhaus plakativ als leistungsorientiert, rechts und konservativ und als links und sozial-progressiv angesehen werden konnten. Diese familiären Grundstrukturen bestehen so nicht mehr. Spätestens die Pfarrerstöchter aus den RAF-Zeiten haben damit begonnen, diese Gesinnungs- und Verhaltensmuster zu beenden. Als dann noch die Parteien für ihre Wähler nicht mehr aus der Übereinstimmung ihrer Programme (bzw. was man dafür hält) mit der Tagespolitik erkennbar waren, lösten sich die früher als selbstverständlich gehaltene Verlässlichkeiten im Wahlverhalten auf. Jetzt sind nur noch wahltaktische Reste dieser alten Partei-Herrlichkeiten sichtbar. Diese Reste werden immer kleiner.

    Der Prozess ging einher mit einer medialen Bevormundung, die sich immer weniger scheut, nach markttechnischen Erfordernissen in kürzesten Abständen immer neue gesellschaftliche und politische Hiobsbotschaften, Trendwenden und kurzlebige Verhaltensmuster als allgemein gültig darzustellen. Da sich auch gleichzeitig die Bereitschaft zur persönlichen Allgemeinbildung in weiten Teilen des bisher als Meinungsmultiplikatoren geltenden sogenannten Bildungsbürgertums verminderte, fehlen inzwischen vielfach die kritischen Stimmen, die der hemmungslosen medialen Meinungsbevormundung Einhalt gebieten könnten.

    Wir sind zu einer Hysteriegesellschaft geworden. Bestes Beispiel war die Dioxin-Kampagne im Frühjahr. Ganz unabhängig davon, dass Dreck nicht in Lebensmittel gehört, haben die Relationen nicht mehr gestimmt. Weder in der Presse noch in der Bevölkerung waren nachdrücklich Hinweise zu hören und zu lesen, wie viel 100 Eier man täglich essen müsste, um gefährliche Grenzwerte zu erreichen. In Fukushima war es der Tsunami und nicht das Erdbeben, der das Schlimmste verursachte. Dass es ein bodenloser Leichtsinn ist, in so brisanten tektonischen Gebieten Atomkraftwerke zu bauen und ein Tsunami unsere Kraftwerke nicht bedrohen kann, wurde in weiten Kreisen der Bevölkerung nicht wirklich wahrgenommen.

    Der speziell in Deutschland ungebrochene Glaube daran, dass die Natur als das ultimative Heilmittel aller Probleme in Wald und Flur, in der Technik und im Wohlbefinden gilt, hat endgültig der Logik des politischen Denkens in weiten Teilen der Bevölkerung den Garaus gemacht. Als dann auch noch die Kirchen begannen, mit diesen technikfeindlichen Pseudoüberzeugungen die Weiden ihrer Schäfchen zu düngen, waren endgültig die Schranken für die bisherigen Volksparteien gefallen. Frühzeitig flankiert wurde diese Entwicklung von der Esotherikwelle und deren süßliche Abkömmlinge, die dem „natürlichen“ Aberglauben Tor und Tür öffnen.

    Aber auch die grüne Fundamentalkritik hängt ihr Mäntelchen nach dem öffentlichen Wind. Die grüne Windstossrichtung hat mit dem Bioethanol, den Palmölen als Dieselersatz und zuletzt mit dem C02 (die Energie-Brückentechnologie ist eine pure C02-Quelle) schon so viele Volten hingelegt, dass ihre Glaubwürdigkeit in Gefahr geraten ist. Aber noch werden sie gewählt. Auch dann noch, wenn im Winter teilweise der Strom ausfällt? Dann werden sie natürlich dafür der CDU die Schuld geben, weil die ja die hektische Veränderung zu verantworten hat. Und der Wähler fühlt sich zwischen den Gesinnungswelten und -Werten hoffnungslos überfordert.

    Mit Wählern, bei denen die Gefahr besteht, dass sie sich nach jeder Legislaturperiode gänzlich anders besinnen könnten oder gar in die totale politische Abstinenz flüchten, kann man keine langfristige Politik betreiben. Das Wahlvolk passt einfach nicht mehr zu den langfristigen politischen Zwängen und den immer komplexer werdenden globalen Zusammenhängen. Die Volkspartei herkömmlicher Denkart ist passee.
    Was wir statt dessen bekommen werden, ist noch nicht erkennbar. Ein Facebook- oder You Tube-Partei wird es mangels Substanz nicht sein können. Eher wird uns dann schon die immer größer werdende abstinente Gruppe der Hilflosigkeit in einen rest-demokratischen Verwaltungsstaat führen. Die erschreckend niedrigen Wahlbeteiligungen bei Kommunalwahlen sind dafür ein untrüglicher Beleg.

    Alle unsere Entscheidungsträger sind diesen unberechenbaren und sich hektisch verändernden politischen Witterungsbedingungen ausgesetzt.

    Solche Überlegungen kann man in diesem Rahmen nur sehr plakativ und verallgemeinernd schreiben. Es geht mir um die leider erkennbare Tendenz.

  7. @Erich v.d.Brincken; @Jürgen Gellern; @Leo Aul

    Ja, ich vermute auch, dass die Volkspartei herkömmlicher Denkart passé ist, jedenfalls dann, wenn wir uns auf die reine Innenperspektive der Mitgliederpartei beschränken. Das ist angesichts der aktuellen Mitgliederentwicklungen auch kein „Siegerthema“ für die Volksparteien. Nun sind zwar SPD und CDU mit jeweils knapp 500.000 noch weit davon entfernt, keine Mitglieder- oder Volksparteien mehr zu sein, und nicht nur die Klientelparteien in Osteuropa wären über nur ansatzweise ähnliche Mitgliederzahlen mehr als froh. Aber Zuspruch und Vertrauen können unsere Volksparteien nur dann wiedergewinnen, wenn sie Politik machen, die für einen Großteil der Menschen einen spürbaren Nutzen bringt. Über die richtigen Wege dahin muss auch mehr debattiert werden: in den Parteien und in den Parlamenten. Ob die Basis und vor allem die Wählerinnen und Wähler dies sowie die eine oder andere unangenehme Wahrheit, die dabei ans Tageslicht kommen mag, auch honorieren, ist jedoch noch eine andere Frage. Hier kommt es auf politische Führung und die richtige Sprache an sowie auf die Fähigkeit der Entscheidungsträger, Konflikte auszugleichen – nicht im Parteieninteresse, sondern zum Wohle der Gesellschaft. Vom früheren Bürgermeister New Yorks, Rudolph Giuliani, kennen wir sechs Prinzipien guter politischer Führung. Nummer eins und sechs seien hier kurz genannt: (1) „Du musst wissen, woran Du glaubst, wofür Du stehst, was … Deine Ziele sind …“ (6) „Als guter Führer musst Du kommunizieren. Sei … Motivator. … Wenn Du ein langfristiges Ziel verfolgst, musst Du die Etappen deutlich machen, auf denen Du vorankommst. Du musst die Menschen mitnehmen“. Darauf wartet sicherlich noch immer ein Großteil der Menschen: auf Leitbilder und politische Lösungen, die bislang immer nur von den Volksparteien gegeben werden konnten.

  8. Der eine oder der andere Politiker mag ja derartige Veränderungen seiner Performance beabsichtigen. Ob es den wenigen wirklich Willigen gelingt, kann erhofft werden. Dass aber der überwiegende Teil unserer gesamten derzeitigen und künftigen politischen Entscheidungsträger dazu fähig oder bereit ist oder sein wird, wage ich zu bezweifeln.

    Und dass sich die Wähler ohne große Not von ihren Vorurteilen trennen, das ist noch weniger zu erwarten.

    Zitat K. Grabow:
    Darauf wartet sicherlich noch immer ein Großteil der Menschen: Auf Leitbilder und politische Lösungen, die bislang immer nur von den Volksparteien gegeben werden konnten.

    Leitbilder rund politische Lösungen haben sich bisher immer in erster Linie an nationalen Erfordernissen orientiert. Die Zeiten haben sich geändert und werden sich noch stärker ändern. Der Horizont der immer komplexer werdenden Zusammenhänge wird für zu viele Wähler so weit entfernt sein, dass sie ihn nicht mehr verfolgen können und wollen.

  9. @Leo Aul

    Soweit Ihre Befürchtung. Möglicherweise trifft sie teilweise zu. Was aber könnte denn eine Alternative sein? Eine zentrale Behörde, die die Geschicke der Europäer lenkt? Die Weltbank oder der IMF? Dann hätten wir bald eine von jeder demokratischen Legitimation und Kontrolle vollkommen entkoppelte Expertokratie. Lassen Sie uns lieber an einem Szenario arbeiten, in dem Leitbilder und vor allem demokratisch legitimierte politische Lösungen unter veränderten Bedingungen vorkommen bzw. möglich sind.

    Zitat Leo Aul
    “Dass aber der überwiegende Teil unserer gesamten derzeitigen und künftigen politischen Entscheidungsträger dazu fähig oder bereit ist oder sein wird, wage ich zu bezweifeln.”

    Nun ja, ich sehe gerade in den Volksparteien noch etliche, die dazu fähig sind.

  10. Die Zukunft einer Volkspartei hängt, genauso wie jede andere Organisationsform, von den Köpfen ab.

    Es ist egal wie man sich firmiert oder tituliert, wenn die Taten nicht der Mehrheit dienen.

  11. Das teile ich überhaupt nicht. Wenn es so wäre, hätte die CDU 50+. Außerdem, was soll das heißen? Dass man jemanden aufstellt wegen seiner Nase? Ohne Parteiverbindung, ohne inhaltlichen Anker? Werden Charakterköpfe nicht erst durch die jahrelange Partei – und Gremienarbeit geformt??

  12. Nein und nochmals nein.

    Die Zukunft der Volkspartei hängt nicht von irgendwelchen Köpfen ab. Deren Zukunft wird bestimmt, von der gesammten gesellschaftlichen Entwicklung und erst die gebiert und toleriert die Köpfe, die noch einwenig in der Lage sind, an den Stellknöpfen für die Zukunft zu drehen. Als typisches Merkmal dieser Entwicklung kann gelten, dass die Volksparteien kaum noch Programmparteien sind. Sie sind statt dessen zu Millieu-Parteien mutiert. Und nichts so ist wankelmütig wie das tägliche Milleu zu dem man sich bei Bedarf und je nach Stimmungslage zu zählen bereit ist.

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