Diskussion über Parteien mit Zukunft

Die Macht der Zahlen: Wählerpotenziale sorgen für Schlagzeilen

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Wie man mit Zahlen Schlagzeilen produzieren kann, dürfte mittlerweile bekannt sein. Gerade jüngst geisterte wieder eines der Beispiele durch die Medienlandschaft. Laut Welt (8. April 2013) können sich 24 Prozent der Wahlberechtigten „prinzipiell“ vorstellen, bei der Bundestagswahl die AfD (Alternative für Deutschland) zu wählen, so die Tabellenüberschrift. 7 Prozent waren der Ansicht, sie könnten sich sicher vorstellen, die Partei zu wählen, weitere 17 Prozent antworteten mit einem entschiedenen „ja, vielleicht“ (also 24 Prozent insgesamt).

Solche „Wählerpotenziale“ sind in der Medienlandschaft keine Seltenheit. Am 15. April 2012 titelte Spiegel-Online „Gigantisches Potential: Jeder Dritte würde die Piraten wählen“. Auch hier wurde im Text davon gesprochen, dass sich 30 Prozent „vorstellen“ könnten, die Piratenpartei zu wählen. Bei der Wahl in Schleswig-Holstein am 6. Mai 2012 (also drei Wochen später) erhielten die Piraten hingegen 8,2 Prozent und am 13. Mai 2012 in Nordrhein-Westfalen 7,8 Prozent. Zwischen Vorstellungskraft und Wahlverhalten scheint eine nicht unerhebliche Lücke zu bestehen. Selbst unmittelbar vor Wahlen, sind Potentialsmessungen für die kleinen Parteien nicht unbedingt ein gutes Vorhersageinstrument.[1]

Im Übrigen wurden diese Instrumente vor allem deshalb eingeführt, da es früher die Tendenz in Umfragen gab, dass vor allem diejenigen, die extremistische Parteien unterstützen, dies in Umfragen vorher nicht angaben. Bei den Potentialsmessungen hatte man dann einen Indikator für die verdeckte Zustimmung. Im Laufe der Jahre hat sich dieses Verhalten jedoch abgeschwächt, so dass auch extremistische Parteien recht exakt gemessen werden können. Hier wichen die Potentialsmessungen in letzter Zeit nur selten erheblich vom Wahlergebnis ab.[2] Wie dem auch sei: Potentialsmessungen sind keine Wahlergebnisse.

Während die Piraten 2012 bereits den ein oder anderen Überraschungserfolg bei Wahlen vorweisen konnten, bleibt zu bezweifeln, ob den Befragten –  hätte man offen (also ohne Antwortvorgabe) gefragt – eine Gruppierung wie die AfD überhaupt bekannt ist. Die AfD war zum Zeitpunkt  der Umfrage gerade im Gründungsprozess[3] und beherrschte nicht gerade die Schlagzeilen der Zeitungen. Dass eine Formation, die eher politisch Interessierten etwas sagen dürfte, über ein solches Wählerpotential überhaupt verfügen kann, ist mehr als fraglich.

Meistens ist es erschreckend, wie gering der Wissensstand über Politik  ist. Bekannt ist in der Meinungsforschung, dass Befragte gegenüber einem unbekannten Interviewer nicht unbedingt zugeben, dass sie die Frage eigentlich aufgrund gewisser Wissenslücken eventuell nicht beantworten können. Dies führt zu einem Effekt, der mit „forced choice“, also erzwungener Antwort bezeichnet wird. Dass im Bereich Politik nicht unbedingt eine vertiefte Kenntnis anzutreffen ist, zeigen immer wieder Umfragen zu der Bedeutung von Erst- und Zweitstimme. Regelmäßig wird der Erststimme die größte Wirkung auf den Ausgang einer Wahl zugesprochen. Gelegentlich werden in Umfragen Eigenschaftsprofile eines frei erfundenen Spitzenpolitikers erfragt.[4]  Meist schneidet dieser Kandidat recht gut ab und kann auch beim Bekanntheitsgrad mit den Spitzenkandidaten der Parteien durchaus mithalten. Auch bei einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung unter Nichtwählern der Bundestagswahl 2009 zeigten sich Erinnerungslücken. So erinnerten sich gerade einmal 38 Prozent korrekt an die Spitzenkandidatin der Union für das Kanzleramt und 20 Prozent an den Kandidaten der SPD bei der Bundestagswahl 2009.[5]

Unklar bleibt auch, wie die Umfragen genau vorgenommen wurden. Gab es eine genaue Einleitung über die sich nur formierende Partei und ihre Ziele. Wie war die Fragestellung genau und wie viele wurden befragt. Doch auch wenn dieses Hintergrundwissen vorhanden wäre, sollte nach Wählerpotentialen „sensibel“ gefragt werden. „Prinzipiell vorstellen“ können sich Wähler vieles. Aber am Wahltag können nicht mehrere Parteien gewählt werden. Daher ist es wichtig, auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Wahl erfolgt, mit ein zu kalkulieren.

Dies hat damit zu tun, dass die wenigsten Menschen noch über eine feste Parteibindung verfügen und sich durchaus vorstellen können, sehr unterschiedliche Parteien zu wählen. Häufig wird die Entscheidung sprichwörtlich in letzter Sekunde getroffen, aber nicht willkürlich.

In einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem September 2012 wurde abgestuft nach Wählerpotentialen befragt. Zunächst wurde nach der grundsätzlichen Bereitschaft zur Wahl zu gehen gefragt, danach nach der Wahlabsicht, anschließend nach einer alternativen Wahlabsicht und bei dann ob man sich grundsätzlich vorstellen könne die Piraten oder die Freien Wähler zu wählen (die AfD existierte da noch nicht). Die Freien Wähler wurden in der Liste der Parteien auch vorgelesen, was normalerweise bei Umfragen nicht geschieht. Sie erzielten dort ein Prozent. 41 Prozent derjenigen, die zur Wähl gehen würden, konnten sich auch die Wahl einer anderen Partei vorstellen. Würden auch diejenigen, die sich vorstellen können, eine andere Partei zu wählen, für die Freien Wähler stimmen, wären dies drei Prozent. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Freien Wähler (nicht die Bundespartei!) in vielen Bundesländern auf der kommunalen Ebene fest verankert sind und daher auch den Wählern bekannt sein dürften. Unbekannt  dürfte den Wählern sein,  dass die Freien Wähler eigentlich eine Verbandsstruktur aufweisen und die „Bundespartei“ parallel hierzu existiert, was mit erheblichen Spannungen verbunden ist, da die Freien Wähler sich gerade nicht als Partei verstehen. [6]

Man muss kein Wahlforscher sein, um zu wissen, dass vom Potential keine Partei leben kann, da Potentiale keine Wähler sind.  Etwas polemisch könnte man sagen, würden SPD und CDU ihre „Wählerpotentiale“ voll ausschöpfen, könnten sie gemeinsam auf 100 Prozent kommen.

Derzeit sind Spekulationen über das Abschneiden der Parteien bei der Bundestagswahl nur arithmetische Spielchen. Das gilt insbesondere für die sogenannten „Protestparteien“. Wähler haben eine Hierarchie der Wichtigkeit von Wahlen im Kopf. Die Bundestagswahl gilt ihnen mit Abstand als die wichtigste Wahl überhaupt. Und je bedeutsamer eine Wahl eingestuft wird, desto geringer ist die Neigung, seine Stimme an Protest zu verschenken. Gerne werden sogenannte Nebenwahlen, wie z.B. die Europawahl genutzt, um Protest zum Ausdruck zu bringen, wovon kleinere Parteien profitieren können. Dies ist aber bei der Bundestagswahl höchst unwahrscheinlich. Selbst der Einzug der Piraten ist mehr als ungewiss.

Viola Neu

[1] 2007 wurde für „Bremen muss leben“ ein Potential von 13 Prozent gemessen. Am Wahltag wurden 1,6 Prozent realisiert (Infratest dimap).

[2] Potential der NPD in Sachsen-Anhalt 2011: 8 Prozent. Wahlergebnis 4,6 Prozent. Potential der NPD in Thüringen 2009 5 Prozent. Wahlergebnis 4,3 Prozent.

[3] Genau wurde sie am 6. Februar gegründet (Gründungsparteitag:  14. April 2013 )

[4] Dies dient als Gütetest für die Belastbarkeit der Daten.

[6] Vgl. Hans-Georg Wehling, Oliver Stortz, Freie Wähler, in: Frank Decker, Viola Neu (Hrsg.), Handbuch der deutschen Parteien, 2. Aufl., Wiesbaden 2013, S. 283 ff.

Ein Kommentar

  1. Nervt mich das! Diese Ein-Themen-Parteien. heute hochgejazzt durch die
    Medien, aufgebauscht zu einer Gefahr für die Volksparteien und morgen wieder Katzenjammer, weil so eine Partei wie die AfD eben ihr Ziel (Gott sei Dank!) niemals durchsetzen kann. Wann begreifen die Wähler endlich, dass die eigene Stimm zu wertvoll ist, als sie dem reinen Protest zu schenken? Glaubt jemand ernsthaft an einen dauerhaften “Erfolg” der AfD? Was gab es nicht schon alles für One-Hit-Wonder: Schill, (mehr oder weniger) die Piraten, Statt-Partei, Arbeit für Bremen… Und, was ist bei rausgekommen? genau! nix!! Also, liebe AfDler, von denen übrigens genausoviele ehem. Mitglieder aus der CDu wie SPD kommen: lieber zurück in die Volksparteien und ein wenig Demokratie +üben. d.h. streiten lernen, die Auseinandersetzung suchen, einen Grundkonsens ausloten. Das ist nämlich viel schwerer als schnell eine neue Partei zu gründen.

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